Werner Stingl
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Kollektiver Jetlag im Namen der EU

Die Sommerzeit tickt nicht richtig

Am 30. Oktober ist es wieder soweit. Wir bekommen die morgendliche Schlafstunde zurück, die man uns heuer am 27. März entzogen hat. Vieles spricht dafür und wenig dagegen, dann nie mehr zur Sommerzeit zurück zukehren. Ein Plädoyer für eine Zeitenordnung, in der es das ganze Jahr 12 Uhr ist, wenn die Sonne in etwa am höchsten steht.


Als man im Frühjahr 1980 zum ersten Mal seit 1949 wieder von der Normalzeit, die inzwischen Winterzeit heißt, auf die Sommerzeit umstellte, tat man dies im Wesentlichen aus zwei Gründen: Erstens sollte die Maßnahme Energie sparen und zweitens wollte man sich dem Zeitengeschehen in anderen europäischen Ländern anpassen.
  
Was den ersten Punkt betrifft, hatten und haben sich die Erwartungen in keiner Weise erfüllt. Wie man spätestens seit einer Antwort der Schröder-Regierung auf eine kleine parlamentarische Anfrage der FDP im Mai 2005 weiß, ist die Energiebilanz der Umstellung auf die Sommerzeit sogar negativ. Zwar wird durch das längere Tageslicht am Abend elektrisches Licht eingespart. Die dabei reservierte Energie und noch einiges dazu wird aber durch den erhöhten Heizbedarf in den kühleren weil früheren Morgenstunden an den Rändern der Sommerzeit verbraucht. Obwohl mit dem empirischen Energiedefizit das entscheidende Argument, mit dem uns die Sommerzeit aufgedrückt wurde, wegfiel, scheuen Europas Regierungen bislang den Akt einer einmaligen Fehlerkorrektur offensichtlich mehr als den zweimal jährlichen menschlichen und verwaltungstechnischen Aufwand, den die Zeitumstellung im Frühjahr und Herbst nicht nur für Bundesbahn, Milchkühe und ihre Bauern bedeutet.

Ignorierter Bürgerwille


Wenn schon der primäre Nutzen der Zeitumstellung verfehlt wurde, spricht dann wenigsten Volkes Stimme für diesen zweimal im Jahr und dabei besonders im Frühjahr die circadiane Rhythmik durcheinander wirbelnden Schritt? Wissen die Bürger die eine Zusatzstunde Tageslichtfreizeit zu schätzen, die ihnen die Sommerzeit beschert? Offensichtlich nicht; in einer repräsentativen Umfrage unter 503 Bundesbürgern im Alter von über 14 Jahren, die das Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag von „Bild am Sonntag“ im März 2009 durchgeführt hat, plädierten 55 Prozent für ein Ende der Zeitumstellung. 41 Prozent waren für weiter so, der Rest unentschlossen. Im Jahr davor hatten sich in einer ähnlichen Umfrage des gleichen Auftraggebers sogar 62 Prozent für eine Abschaffung der Zeitumstellung ausgesprochen. Die Tendenz in sonstigen Jahren und in anderen europäischen Ländern ist ähnlich.
  
Die Ablehnung der jährlichen Zeitenwenden hat nachvollziehbare Gründe. In einer 2010 veröffentlichten Untersuchung der Deutschen Angestelltenkrankenkasse DAK gaben von den rund 1500 kurz nach der Umstellung auf die Sommerzeit Befragten 26 Prozent an, ein paar Tage benötigt zu haben, sich an das Vorziehen der Stunde zu gewöhnen. 21 Prozent fühlten sich mehrere Tage müde und schlapp. Elf Prozent hatten umstellungsbedingte Ein- oder Durchschlafstörungen, fünf Prozent waren gereizter und konnten sich schlechter konzentrieren als sonst und zwei Prozent gaben an, seit der Umstellung depressiv verstimmt zu sein.

Mehr Infarkte, mehr Unfälle


Wie im Oktober 2008 unter anderem auch im „Deutschen Ärzteblatt“ zu lesen war, fanden schwedische Forscher anhand nationaler Herzinfarktregister in den ersten Tagen nach der Umstellung auf die Sommerzeit eine signifikante Zunahme von Herzinfarkten. Während schon an den Umstellungssonntagen im Schnitt 4,7 Prozent mehr Infarkte als erwartet auftraten, waren es am darauf folgenden Montag sechs Prozent und am Dienstag zehn Prozent mehr als an den jeweiligen Wochentagen durchschnittlich auftreten. Ab Mittwoch ging die Überinzidenz wieder langsam zurück. Die Umstellung auf die Winterzeit war dagegen mit einer kurzen leichten Abnahme der Herzinfarktraten verknüpft. Die Umstellung auf die Sommerzeit und der damit häufig verbundene Schlafentzug scheinen also eine akute Belastung darzustellen, die zumindest so schwerwiegend ist, dass sie bei Menschen, die bereits auf der Endstrecke zum Herzinfarkt sind, der letzte Anstoß zum kardialen Ereignis sein kann.
  
Ein weiteres Indiz in der Anklage gegen die Sommerzeit als gesundheitlichen Risikofaktor ergibt sich aus einer Verkehrsunfallanalyse, die der Automobilclub Europa (ACE) anhand von Daten des statistischen Bundesamtes durchgeführt hat. Demnach waren in Deutschland in den Jahren von 2006 bis einschließlich 2010 die Unfallzahlen im April und damit dem Monat nach der Umstellung auf die Sommerzeit deutlich höher als im März, also dem Monat vor der Umstellung. Der Unterschied lag beispielsweise 2010 bei 21 Prozent und im Jahr davor sogar bei 29 Prozent, wie etwa auch in einer Online-Veröffentlichung des TÜV Nord nachzulesen ist. Als mögliche Gründe für die Unfallzunahme von März auf April kommt vieles in Frage: So etwa vermehrte Wildunfälle durch die Rückverlagerung des morgendlichen Berufsverkehrs in die dämmerungsabhängige Wildwechselzeit, Frühlingsgefühle, die vielleicht im April stärker aufs Gas drücken lassen als im März und eben auch mehr Müdigkeit am Steuer infolge von Anpassungsproblemen an den neuen Zeittakt.

Harmonie im Sinn oder im Unsinn


Als entscheidendes Argument für zweimal jährliche Zeitumstellungen bleibt im Prinzip nur die europäische Harmonisierung auch der Zeit. Aber warum muss man sich im Unsinn einig sein, wenn man es genauso gut im Sinn könnte? Vielleicht müsste nur einer den Anfang machen. Und wenn wir es waren, die 1980 dem schlechten Beispiel nachgingen, warum können wir dann nicht jetzt mit gutem Beispiel vorangehen?
  
Sollte man sich für die Abkehr vom Hin und Her der Zeit entscheiden, stellt sich für manche vielleicht doch noch die Frage: Für immer Sommerzeit wie es Russland bereits ab diesem Jahr vormacht oder zurück zur dauerhaften Winterzeit? Für die zweite Option spricht die Tatsache, dass es sich bei der Winterzeit um die traditionell richtige und chronobiologisch wohl maßgebliche Zeiteinteilung handelt. In ihr ist 12 Uhr Mittag tatsächlich die durch den ungefähren Sonnenhöchststand definierte Mitte des Tages. Dagegen ist die Sommerzeit ein von oben diktierter Angriff auf unser biologisches Zeitsystem, der bei zahlreichen Menschen nicht nur Tage oder Wochen sondern bis zur Rückkehr zur Winterzeit die Befindlichkeit negativ beeinflussen kann, fasst denn auch die Ärztezeitung vom 25.3.2010 Aussagen der Schlafforscher und Chronobiologen Professor Jürgen Zulley von der Universität Regensburg und Professor Till Roenneberg von der Universität München zusammen. Zusätzlich geschürt werden kann die Kritik an der Sommerzeit durch Untersuchungen Zulleys, wonach der Biorhythmus von Kindern und Jugendlichen mehrheitlich sogar erst ungefähr 9 Stunden nach der echten Mitternacht auf volle Leistung zu schalten beginnt. Anstatt nun Zulleys Rat zu folgen und über eine entsprechende Verschiebung des Unterrichtsbeginns nachzudenken, wird die Problematik um eine weitere Stunde verschärft, solange die Sommerzeit existiert. Denn in ihr werden die Kinder beim üblichen Schulstart um nominal 8 Uhr ja bereits 7 Stunden nach dem tiefsten Stand der Sonne auf die Schulbank gezwungen.
                                                          W. Stingl