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Die Sprache der Düfte ­- eine Frage der Kultur

Noriko rümpft die Nase: "Puh, Desinfektionsmittel. Das ­ erinnert mich an Krankenhaus", sagt sie. Die 22-jährige Studentin sitzt in einem Versuchsraum des staatlichen japanischen Instituts für Humantechnologie in Tsukuba und schnüffelt an einer von 18 undurchsichtigen Plastikflaschen. In einem Fragebogen bewertet sie den Geruch als unangenehm, mit dem negativen Wert "-1".


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Würde sie etwas essen, das so riecht? Natürlich nicht, was für eine Frage! Sie greift zur nächsten Flasche. Diesmal hellt sich ihre Miene auf: "Oh, ja, Frühstück! Ich bin nicht ganz sicher, aber ich glaube, es ist Natto!" Sie meint damit ein Mus aus fermentierten Sojabohnen. Diesmal vergibt sie eine "+3" für den Geruch.

Eine ähnliche Szene spielt sich etwa zur gleichen Zeit in Deutschland ab. Ute, 30 Jahre, schnüffelt im Institut für Medizinische Psychologie der Universität München an Flaschen, die den gleichen Inhalt haben wie die, an denen Noriko riecht. Den ersten Duft, bei dem die Japanerin die Nase rümpfte, findet Ute toll. "Anis ­ griechischer Ouzo, Urlaub in Griechenland" fällt ihr ein. Sie erteilt die Bestnote "+5".

Die nächste Probe ist allerdings mehr als eine Enttäuschung. "Das ist ja grauenhaft!" schimpft die Deutsche und läßt sich nur mit Mühe von der Versuchsleiterin zu einer genaueren Beschreibung überreden, weil sie dazu noch mal die Nase voll nehmen muß. Schließlich fallen ihr nur Begriffe wie "Schweißfüße" und "alte Socken" zu dem Geruch ein, der Noriko an das Soja-Mus erinnert.

Die Szenen sind Teil einer japanisch-deutschen Studie, deren Ergebnisse auf dem 7. Internationalen Symposium über Geruch und Geschmack in San Diego, USA, vorgestellt wurden.

Genetisch vorbestimmt oder Erfahrungssache?

Bei dem Experiment ging es um die Frage, wie Menschen unterschiedlicher Kulturkreise Gerüche empfinden und welche Rolle Erfahrung und Lernen dabei spielen. Wäre die Geruchswahrnehmung vor allem genetisch bestimmt, so sollten sich die Menschen weitgehend über die Qualität von Gerüchen einig sein. Tatsächlich überwiegen jedoch unterschiedliche Beurteilungen ein- und desselben Geruchs, besonders im internationalen Vergleich.

Dies legt nahe, daß die Wahrnehmung von Aromen vor allem durch Erfahrung beeinflußt wird. Düfte, die einem Kind in die Nase steigen, verbindet es ­ je nach Umständen ­ mit guten und schlechten Erfahrungen. Diese Assoziationen werden offenbar ein Leben lang im Gedächtnis gespeichert.

Um dem Phänomen auf den Grund zu gehen, ließen Wissenschaftler Ute, Noriko und weitere 82 Teilnehmerinnen der japanisch-deutschen Studie an insgesamt 18 ausgewählten Substanzen schnüffeln. Als typisch europäische Düfte hatten sie Marzipan, Anisschnaps (Pernod), Blauschimmelkäse, italienische Salami, Fichtenholzspäne und Weihrauch ausgewählt.

Unter den typisch japanischen Gerüchen entschieden sie sich für Spezialitäten wie Sojasauce, getrocknete Fischflokken, gerösteten grünen Tee, getrocknete fermentierte Sojabohnen, Zypressenholzspäne sowie für traditionelle Kaligraphietinte.

Als Beispiele für "international bekannte" Düfte einigte man sich auf Schokolade, Kaffee, Erdnüsse, Bier, Wicks Vaporub-Salbe und ein Parfum.

Die Forscher ließen ausschließlich Frauen als Versuchspersonen zu, weil diese sich in früheren Experimenten gegenüber Männern als die ausgeprägteren "Nasenmenschen" erwiesen hatten. Die Teilnehmerinnen selber kannten den Hintergrund der Untersuchung nicht ­ sie waren nur aufgefordert, eine Reihe von nicht näher bezeichneten Gerüchen nach verschiedenen Kriterien zu beurteilen.

Die Meinungen gehen auseinander

Zwar weichen die Meinungen auch innerhalb einer nationalen Gruppe hin und wieder voneinander ab. Die meisten deutschen Frauen lieben zum Beispiel Marzipan, einige können es jedoch nicht ausstehen, während die Japanerinnen sich offenbar über Natto nicht ganz einig werden.

Doch die Unterschiede zwischen den Gruppen sind viel stärker ausgeprägt, wie die Studie zeigte. So können die Japanerinnen jenen Gerüchen wenig abgewinnen, die bei den meisten deutschen Frauen am beliebtesten sind: Marzipan, Pernod und Parfum. Noriko steht mit ihrer Meinung "Desinfektionsmittel" zu Anisschnaps unter ihren Landsleuten nicht allein.

Bei dem Parfum, das bei den deutschen Frauen an die Beliebtheit des Geruchs von Kaffee heranreicht, denken viele Japanerinnen an Pomade für Männerhaare und zucken gleichgültig mit den Schultern.

Extreme Meinungsunterschiede treten bei der Beurteilung der japanischen Spezialitäten auf. Wenn ihnen der Geruch von getrocknetem Fisch, geröstetem grünen Tee und fermentierten Sojabohnen (Natto) in die Nase steigt, reagieren viele Deutsche ­ so wie Ute ­ mit Entsetzen. Das Aroma getrockneten Fischs erinnert sie fast ausschließlich an verdorbenen Fisch oder Exkremente.

Auch der geröstete grüne Tee hat für sie eine eindeutig fischige Komponente. Und Natto riecht für die meisten Deutschen äußerst unangenehm nach Schweißfüßen. "Vermutlich ist das auf Valeriansäure zurückzuführen, die beim Fermentierungsprozeß entsteht", erläutert Studienleiterin Saho Ayabe. "Diese Säure entsteht auch unter Luftabschluß auf feuchter Haut."

Vertrautes ist beliebt

Insgesamt läßt vor allem Altbekanntes die Herzen höher schlagen. Sowohl Japanerinnen wie Deutsche bleiben in ihren Vorlieben überwiegend den Düften ihres eigenen Kulturkreises treu. In beiden Gruppen gleichermaßen beliebt sind nur die international bekannten Düfte von Kaffee, Schokolade und Wick·s Vaporub. Anders als das Parfum erscheinen diese Düfte geeignet, ganz unterschiedliche Frauen dieser Welt zu locken.

Alle Gerüche, die von einer nationalen Gruppe deutlich als angenehmer beurteilt werden als von der andern, werden ­ mit Ausnahme des Parfums ­ von dieser Gruppe auch öfter für eßbar gehalten. Forscher folgern daraus, daß die Bewertung von Gerüchen stark von kulturtypischen Ernährungsgewohnheiten abhängt.

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