Werner Stingl
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Mensch vor Baum, Brett vorm Hirn oder Gürtel unter der Linie

Unser OB und seine Mannen wollen sich also nicht mehr mit der umstrittenen Fällung einzelner Bäume zufrieden geben sondern sie denken darüber nach, in einem raumgewinnenden neuen Gesamtkonzept Dachau und hier erstmal die Altstadt gehörig auszuforsten. Vorbild sollen dabei kahle italienische Städte und vor allem historische Aufnahmen der Dachauer Altstadt sein, auf denen angeblich viel weniger Bäume als heute zu sehen sind. Nun – zur Zeit dieser Aufnahmen wälzte sich auch noch kein abgasproduzierender dichter Autoverkehr durch die Stadt und es regierte weder Bürgel noch seine Nickriege. Für die Wiederherstellung eines solchen urbanen Urzustandes wäre sogar ich bereit, im Gegenzug ein paar Bäume zu opfern.

Aber Ernst beiseite. Welche Motive könnten wirklich hinter dem sich gerade formierenden Willen von Dachaus derzeitiger Regierungsmannschaft stehen, Teile der grünen Lunge ihrer Stadt zu amputieren? Als eher skeptisch gegen CSUFDPFW-Vorhaben eingestellter Mensch vermutet man zu leicht verborgene Klientelinteressen, die unter dem Deckmantel der Sorge ums Gemeinwohl an den Bürger gebracht werden sollen. Aber ist nicht möglich, dass Bürgel wirklich Gutes im Schilde führt? Vielleicht will er nur deshalb weniger Bäume in der Stadt, um den Bürgern das allherbstliche Laubbläsergedönse zu ersparen.

Gegen diese Mutmaßung spricht allerdings, dass man sich in Dachau von offizieller Seite noch nie sonderlich um den Lärmschutz seiner Bürger bemüht hat. So ignorieren beispielsweise städtischer Bauhof, Müllabfuhr oder Hausmeisterdienste immer wieder ungesühnt die im Bundesimmissionsschutzgesetz festgelegten Ruhezeiten, auf der Homepage der Stadt Dachau ist unter dem Stichwort „Lärmbekämpfung“ seit Jahren nur Desinformation zu lesen, gegen die dritte Startbahn und die damit verbundene Fluglärmzunahme machen sich Dachaus Regierende im Gegensatz zu denen aus Freising oder Erding auch nicht sonderlich stark und aktuell wird eine städtische Kinderkrippe mitten in einer Schallschneise zwischen Feuerwehrzentrale und ICE-Trasse realisiert, obwohl davor Lärmschutzgutachten sowohl des Landratsamtes als auch der Feuerwehr ausdrücklich gewarnt haben.

Möglicherweise sind die Motive für Bürgels Kampf gegen den Baum denn auch eher in den Abgründen der Tiefenpsychologie zu suchen. Fühlt er sich in seiner vielleicht letzten Amtsperiode endlich stark und emanzipiert genug zum via Holzschlag symbolisierten Vatermord an Exbürgermeister Lorenz Reitmeier und dessen seinerzeit durch zahlreiche Baumpflanzungen in die Tat umgesetzte Vision einer grünen Stadt? Oder geht’s psychologisch gar noch tiefer?

Auch in meinem klein- und schrebergärtnernden Bekanntenkreis beobachte ich das verwunderliche Phänomen alternder Männer, die Bäume, die sie Jahrzehnte lang gehegt und gepflegt haben, plötzlich mit fadenscheinigsten Argumenten und auch gegen den Widerstand der Restfamilie umsägen wollen. Seelenforscher bieten in diesem Zusammenhang die Erklärung an, dass manche Männer beim Eintritt in den viagrapflichtigen Lebensabschnitt nicht mehr in der Lage sind, einen Baum in seiner ganzen Schönheit und Funktion zu würdigen, sondern sie ihn neidvoll auf ein Symbol vergangener Standfestigkeit reduzieren, das es dann wenigstens eigenmächtig umzulegen gilt.

Herr Bürgel! Herr Forster! Ist es schon diese destruktive Macht eines involutiven Unbewussten, die Sie nach der Axt schreien lässt?

                                                          Werner Stingl