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In die Therapie bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen gerät Bewegung

Eine Trinklösung mit vitalen Eiern des Schweine-Peitschenwurmes Trichuris suis soll Patienten mit aktivem Morbus Crohn oder auch mit Colitis ulcerosa zu einer stabilen Remission ihrer chronisch entzündlichen Darmerkrankung verhelfen. Was auf den ersten Blick abenteuerlich und wenig appetitanregend anmuten mag, stützt sich auf hoffnungsvolle Ergebnisse aus klinischen Studien und fügt sich in neuartige wissenschaftliche Konzepte, die zumindest den Morbus Crohn als Defensin-Mangelerkrankung verstanden wissen wollen.

Die alte Volksweisheit, wonach Schmutz die Abwehrkräfte stärken soll, hat inzwischen bekanntlich auch die moderne  Medizin erreicht. Den meisten Kollegen dürften beispielsweise die Untersuchungsergebnisse von Erika von Mutius aus München bekannt sein, wonach Kinder, die auf Bauernhöfen mit Tierhaltung aufwachsen, signifikant seltener als ihre Altersgenossen Asthma und sonstige allergische Erkrankungen entwickeln. Welches Agens die in enger Nachbarschaft mit Stalltieren lebenden Kinder vor fehlgeleiteten Reaktionen ihres Immunsystems schützt, ist noch offen. Aber man vermutet, daß unser im Laufe der Evolution auf eine vielseitige Auseinandersetzung mit Viren, Bakterien, Pilzen und zahlreichen Parasiten geprägtes Immunsystem mit der Sterilität und übertriebenen Hygiene der modernen Umwelt nicht immer gut zurecht kommt. Angesichts der reduzierten Möglichkeiten zur phylogenetisch erprobten Auseinandersetzung mit einer Vielzahl parasitärer Mikroorganismen suche sich das Immunsystem gewissermaßen Ersatzfeinde in Form harmloser Allergene und quäle den Betroffenen mit sinnlosen Abwehrkämpfen gegen Blütenpollen, mit überschießenden Immunreaktionen oder gar mit autoaggressiven Immunphänomenen. Für diese vielleicht etwas laienhaft wiedergegebene Vorstellung spricht, daß eine angestammte Hauptrolle der Immunglobuline der Gruppe E, die ja bekanntlich bei Allergikern vermehrt zu finden sind, die Abwehr von Darmwürmern und anderen Organparasiten ist.

Interessant ist nun, daß in den letzten 50 Jahren parallel zum Hygienestandard nicht nur klassische allergische Erkrankungen sondern auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen und andere potentielle Manifestationen eines fehlgeleiteten Immunsystems wie etwa Multiple Sklerose zugenommen haben Und: Chronisch entzündliche Darmerkrankungen sind vor allem in hoch entwickelten Ländern wie Nordamerika, Europa, Japan und Australien zu finden während sie in den traditionell ländlich dominierten Regionen Asiens, Afrikas und Lateinamerikas ein sehr seltenes Ereignis sind.

Erfolgreiche orale Gabe von Wurmeiern

Da vor allem auch der Wurmbefall des Menschen in den Industrienationen stark zurückgegangen ist, sah hier eine Arbeitsgruppe um den Gastroenterologen Professor Joel Weinstock von der Universität Iowa des gleichnamigen US-Bundesstaates einen Ansatzpunkt für erste Interventionsuntersuchungen. Um nicht zu riskieren, Versuchspersonen experimentell mit humanpathogenen Darmwürmern zu infizieren, entschied man sich in einer Pilotstudie mit sechs konventionell nicht zufriedenstellend therapierbaren Morbus Crohn-Patienten für die orale Gabe von Eiern des Peitschenwurmes Trichuris suis. Dieser im Schweinedarm heimische Parasit kann sich zwar im menschlichen Darm begrenzt entwickeln, aber nicht vermehren und nach wenigen Wochen ist er spontan wieder vollständig eliminiert.

Wie Weinstock 1999 im New Scientist veröffentlicht hatte, war der Erfolg in seiner Pilotstudie beeindruckend. Beurteilt anhand des Morbus Crohn-Aktivitätsindex und dem Irvine-Index für Lebensqualität bei entzündlichen Darmerkrankungen, war nach der Zufuhr von je rund 2500 mikroskopisch kleinen Trichuris suis-Eiern bei allen sechs Patienten eine signifikante Verbesserung ihres Krankheitszustandes zu verzeichnen. Bei fünf der sechs Patienten remittierte das chronische Leiden für vier bis 25 Wochen.

Ermutigt durch den Erfolg der Pilotstudie, setzte Weinstocks Gruppe ihre Interventionsuntersuchungen fort und versuchte, den Applikationsrhythmus zu optimieren. Da die im menschlichen Organismus geschlüpften Peitschenwürmer vom Schwein nach spätestens 14 Tagen verkümmern und absterben, ist die aktuelle Versuchsanordnung, für einen Zeitraum von 24 Wochen alle 14 Tage einen Trunk mit 500 bis 2000 Wurmeiern zuzuführen.

Wie Detlev Goj, Geschäftsführer des auf den medizinischen Einsatz von Parasiten wie Blutegeln und Fliegenlarven spezialisierten deutschen Unternehmens Biomonde GmbH, deren Tochterunternehmen Biocure mit Weinstocks Gruppe kooperiert, auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte, wurden in den USA bislang rund 800 Patienten mit Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa teils in offenen und teils in doppelblinden Studien mittels oraler Gabe von Wurmeiern erfolgreich behandelt. Wie erfolgreich, wollte Goj nicht präzisieren, da er den anstehenden Veröffentlichungen auf Fachkongressen und in Fachblättern nicht vorausgreifen wollte. In einer Online-Mitteilung des New Scientist vom 6. April 2004 war aber zu lesen, daß in der jüngsten Studie Weinstocks bei 70 von 100 Morbus Crohn Patienten und bei 50 von 100 Colitis Ulcerosa-Patienten dank des Wurmeierdrinks eine lang anhaltende Remission zu verzeichnen war. Und das angeblich ohne jede nennenswerte Nebenwirkung.

Zulassung auf dem deutschen Mark erwartet

Das mit Weinstocks Gruppe kooperierende Unternehmen Biocure aus Hamburg hat bereits einen Antrag zur kommerziellen Herstellung der TSO ( Abk. für Trichuris suis ova) benannten Wurmeiercocktails zur Einzelanwendung gestellt und die Zulassung wurde ab Ende Mai 2004 erwartet. Die Wurmeier kommen aus einer dänischen Spezialfarm von ausschließlich für ihre Heranzucht gehaltenen Schweinen. Noch sind die zur therapeutischen Anwendung frisch gewonnenen und dosierten Eier nur wenige Tage haltbar und müssen deshalb individuell bereitgestellt zeitnah aufgebraucht werden. Biocure arbeitet jedoch an der Entwicklung rationellerer Herstellungsverfahren und an Koservierungsmethoden, die als Voraussetzung für einen breiten Einsatz eine auch lange Lagerung lebensfähiger Wurmeier ermöglichen. Um die in diesem Zusammenhang erforderlichen umfangreichen arzneimittelrechtlichen Zulassungsschritte einschließlich der Bereitstellung neuer klinischer Studien gegenüber der europäischen Arzneimittelkommission EMEA zu bewältigen, hat Biocure einen Kooperationsvertrag mit dem renommierten Freiburger Unternehmen Dr. Falk Pharma geschlossen.

Defensine im Visier

Die Geschichte vom heilenden enteralen Wurm fügt sich zumindest für Patienten mit Morbus Crohn in Befunde und Hypothesen einer Arbeitsgruppe um Professor Eduard F. Stange vom Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart. Die schwäbischen Wissenschaftler fanden bei Patienten mit Morbus Crohn einen signifikanten Mangel an bestimmten Defensinen. Defensine sind antimikrobielle Peptide, die ein entwicklungsgeschichtlich sehr altes Prinzip der angeborenen Immunabwehr darstellen. Sie sind gewissermaßen endogene Antibiotika, die sich vor allem in Haut und Schleimhäuten finden und wesentlich zur Barrierefunktion dieser Organe beitragen. Laut Stange et al. könnte der nachgewiesene partielle intestinale Defensinmangel bei Morbus Crohn-Patienten dazu führen, daß sich Darmkeime leichter als bei Gesunden an die Darmmukosa anhaften und in sie eindringen können.

Bisher wurde in der Schulmedizin und eigentlich auch noch als theoretische Grundlage für die Wurmeiertherapie davon ausgegangen, daß chronisch entzündlichen Darmerkrankungen eine Immunüberreaktion gegen eine an sich harmlose Darmflora zugrunde liegt. Entsprechend basieren konventionelle Therapien auf dem Einsatz von Medikamenten, die Entzündungs- und andere Immunreaktionen mehr oder weniger spezifisch unterdrücken. Stange postuliert nun die Hypothese, daß das Immunsystem womöglich gar nicht inadäquat überreagiert sondern sich angesichts der in die Darmmukosa eingewanderten Darmflora adäquat verhält. Die eigentliche Wurzel des Krankheitsgeschehens bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wäre demnach also nicht eine Überreaktion des Immunsystems sondern der Umstand, daß bei betroffenen Patienten Darmkeime offensichtlich leichter in die Darmmukosa eindringen können. Und für diese Barriereschwäche scheint zumindest bei Morbus Crohn der nachgewiesene Defensinmangel eine plausible Erklärung zu bieten.

Unterschiedliche pathogenetische Vorstellungen, gleiche therapeutische Konsequenz

Obwohl nun Stange und Weinstock von unterschiedlichen pathogenetischen Vorstellungen zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ausgegangen sein mögen, finden sie in der therapeutischen Konsequenz wieder zusammen. Denn in Stanges Modell könnte eine therapeutische Lösung des Problems zumindest bei Morbus Crohn darin liegen, die gestörte Defensinproduktion in der Darmmukosa anzuregen. Stange hat gezeigt, daß sich dies mit der Gabe von E. coli Nissle (z.B. Mutaflor®) erreichen läßt und er gesteht einer Behandlung mit dem Schweine-Peitschenwurm ähnliche Effekte zu.  


                                                Werner Stingl