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Der Mensch und seine Viren

Nicht immer nur eine krankhafte Beziehung

Eine Virusinfektion kann auch mal ihr Gutes haben. Erfahren Sie hier Hintergründe und Beispiele.

Es gibt zweifellos Horrorviren, die hoch ansteckend sind und viele Infizierte rasch umbringen. Aktuelles Beispiel ist das Ebola-Virus. Während der Ebola-Epidemie, die 2014/15 in Westafrika wütete, infizierten sich in Guinea, Sierra Leone und Liberia nach WHO-Angaben mindestens 28.000 Menschen mit dem leicht auch von Mensch zu Mensch übertragbaren Virus. Über 11.000 starben dokumentiert daran. Die Dunkelziffern dürften weit höher gelegen haben.

Horrorviren sägen am Ast, auf dem sie sitzen

Solche tödlichen Mensch-Virus-Konfrontationen sind allerdings eher Ausnahme als Regel. Denn Viren, die ihren Wirt rasch töten, sägen am Ast ihrer eigenen Existenz. Dazu muss man wissen, dass Viren nicht eigenständig existieren und sich vermehren können. Sie brauchen dazu Zellen eines infizierten Wirtsorganismus, in die sie sich einschleusen und denen sie ihr Genom zur Vervielfältigung aufzwingen. Stirbt der Wirt unter dieser feindlichen Übernahme, geht – abgesehen von denen, die vielleicht noch rechtzeitig den Absprung auf ein neues Opfer geschafft haben - zwangsläufig auch die tödliche Viruspopulation zugrunde.

Weit bessere Karten haben Viren, die sich in einer oft viele hundert bis tausende Jahre langen Koevolution gut mit ihrer Wirtsart arrangiert haben. Ebolaviren können sich den rüden Umgang mit infizierten Menschen auch nur deshalb leisten, weil der Mensch eigentlich ein Fehlwirt für sie ist, auf den sie mit fataler Konsequenz nur „versehentlich" gelegentlich überspringen  – etwa beim engen Kontakt oder ungaren Verspeisen eines infizierten Tieres . Ihr eigentliches Reservoir sind wahrscheinlich Flughunde, mit denen sie – und die mit ihnen – weitaus besser zurechtkommen.

Koevolutionäres Arrangement von Wirt und Virus

Auch wir Menschen kommen in der Regel mit den Viren am besten aus, mit denen wir entwicklungsgeschichtlich eine möglichst lange gemeinsame Strecke teilen. Denn im evolutionären Survival oft the Fittest werden die Viruslinien begünstigt, die einerseits dank zufälliger Mutationen Strategien erworben haben, um Abwehrreaktionen ihres Wirts zu unterlaufen. Andererseits müssen aber im Evolutionsprozess virale Eigenschaften eliminiert werden, welche den Wirt zu sehr belasten. Denn zu aggressive Viruslinien kippen mit ihren Opfern aus dem entwicklungsgeschichtlichen Rennen. In einem idealtypisch erfolgreichen Anpassungskonzept bewegen sich Wirts- und Viruslinie also über viele Generationen koevolutionär so aufeinander zu, dass sie sich wechselseitig möglichst wenig schaden. Die für ihre Vermehrung auf uns angewiesenen Viren haben dabei zweifellos etwas von uns. Aber haben womöglich auch wir etwas von ihnen?

Eine bislang zu selten gestellte Frage

Diese Frage wurde und wird in Wissenschaft und Medizin leider noch zu selten gestellt. Dabei liegt sie doch eigentlich nahe. Denn in einer ökologisch vernetzten Natur ist selten der eine nur der Geber und der andere nur der Nehmer. So wurde im Zuge der Mikrobiomforschung der letzten Jahre bis Jahrzehnte die Bakterienwelt erheblich rehabilitiert. Man erkannte, dass die meisten Bakterien, die wir beherbergen, darunter auch potenzielle Krankheitserreger, uns eher nützen als schaden, solange sie sich in einem ökologischen Gleichgewicht wechselseitig kontrollieren und dann von unserem Immunsystem leicht in Schach gehalten werden können. Der medizinische Blick auf Viren ist aber zumeist immer noch ein exklusiv feindseliger.

Wie könnten denn nun Vorteile, die uns ein uns infizierendes Virus gewährt, aussehen?

„Natürliche Schutzimpfungen"

Ein mögliches Prinzip ist, dass uns der Kontakt mit für uns harmloseren Viren kreuzimmunisierend vor gefährlicheren Viren mit einer ähnlichen Antigenstruktur schützt. Ein bekanntes Beispiel, das viele vielleicht noch aus dem Schulunterricht kennen, ist die Tatsache, dass eine nur selten schwerwiegend verlaufende Infektion mit Kuhpockenviren Menschen vor einer oft tödlichen Infektion mit dem Erreger der Echten Pocken (Variola major) schützte. Gestützt auf die Beobachtung, wonach Melker, die sich mit Kuhpockenviren infiziert hatten, Pockenepidemien auffallend oft unbeschadet überstanden, begründete der englische Landarzt Edward Jenner zum Ende des 18. Jahrhunderts eine Pockenschutzimpfung, indem er Menschen gezielt mit Kuhpockenviren infizierte. Dieses Prinzip wurde bis in die 1970iger Jahre fortgeführt und erst mit der erklärten Ausrottung der Pocken eingestellt.  Vakzination, ein heute generell als Synonym für Schutzimpfungen gebrauchtes Fremdwort, erinnert an diese Geschichte. Denn die lateinische Wurzel „vacca" heißt nichts anderes als „Kuh".

Von Menschen und Mäusen

Das Kuhpockenvirus ist nun aber kein exklusiv Rinder oder Menschen befallendes Virus. Es kann zahlreiche weitere Säugetiere infizieren und sein Hauptreservoir sind wohl auch gar nicht Rinder sondern kleine Nager wie Ratten und Mäuse. Besonders in vergangenen Zeiten, als diese Vorratsschädlinge noch durch viele Haushalte huschten, hatten Menschen also zahlreiche Gelegenheiten, sich auch schon vor Jenners „Erfindung" mit den vergleichsweise harmlosen Tierpockenviren anzustecken. Und das war auch gut so. Ansonsten wären die Menschenpockenepidemien wohl noch viel dramatischer verlaufen als sie es ohnehin taten. Seit man nicht mehr gegen Pocken impft, sehen Mediziner übrigens wieder häufiger überwiegend gutartig verlaufende Tierpockeninfektionen bei Menschen (Googeln Sie z.B. Katzenpocken). Denn das Impfvirus schützte nicht nur gegen die Echten Pocken sondern eben auch gegen die sogar näher mit ihm verwandten Tierpocken.

Kinderlähmung, weil „Sch(m)utzviren" zurück gingen?

Ab Ende des 19. Jahrhunderts kam es besonders in Europa und in Nordamerika zu einer dramatischen Zunahme der durch Polioviren ausgelösten Kinderlähmung. Mit der breiten Einführung effektiver Schutzimpfungen ab 1960 war die Gefahr in den Industrienationen weitgehend wieder gebannt.

Paradoxerweise waren es womöglich gerade die sich verbessernden hygienischen Umstände, die die Zunahme der Kinderlähmung in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts beförderten, bestätigte auf Anfrage der AZ Professor Adolf Windorfer von der Niedersächsischen Gesellschaft für Impfwesen und Kindesschutz. Die plausible These: Moderne Errungenschaften wie die zunehmende strikte Trennung von Nutz- und Abwasser, also etwa auch die Einführung von fließendem Wasser und Spülklosetts im Wohnbereich, hätten den menschlichen Kontakt zu ehedem weit verbreiteten, mit Polioviren eng verwandten aber wesentlich harmloseren Enteroviren reduziert. Damit sei eine zumindest partielle Kreuzimmunisierung gegen Polio verloren gegangen. Auch hier wird also an die Möglichkeit einer „natürlichen Schutzimpfung" gedacht, die uns ein harmloseres gegen ein gefährliches Virus gewährte.

Infektion mit Masernviren als Schutz vor Staupe?

Staupe- und Masernviren sind ebenfalls eng verwandt. So eng, dass abgeschwächte Masernviren enthaltende Masernimpfstoff nicht nur Menschen gegen Masern sondern auch Hunde gegen Staupe schützen. Staupeviren scheinen allerdings mutationsfreudiger als Masernviren zu sein und haben nachweislich in jüngerer Vergangenheit den Artensprung vom Hund zu mehreren anderen Tierspezies, darunter auch auf Rhesusaffen, geschafft. Solche frischen Artensprünge sind für die noch nicht mit dem neuen Virus vertrauten Opfer oft eine riskante Situation – siehe Ebola. Möglicherweise wurden wir Menschen bislang nur deshalb von einem kritischen Artensprung der Staupeviren verschont, weil uns eine Kreuzimmunisierung durch Masernviren - beziehungsweise heute eher durch Masernimpfviren - vor einem solchen Schritt schützte und schützt, spekulierte der Würzburger Virologe Professor Jürgen Schneider-Schaulies in einem 2013 veröffentlichten Beitrag für ein internationales Wissenschaftsmagazin. Wir sollten deshalb die Masernimpfung nicht unüberlegt und voreilig einstellen, falls es uns tatsächlich gelänge, mit ihrer Hilfe die Masern auszurotten, so in etwa der Virologe.

Lieber Lippen- als Genitalherpes

Das Herpes simplex-Virus Typ 1 (HSV 1) ist ein Virus, das über 90 Prozent der Menschen meist von früher Kindheit an lebenslang in sich tragen. Bei halbwegs intaktem Immunsystem merkt man in der Regel nicht viel davon, bekommt höchstens gelegentlich die für diese chronische Infektion typischen Lippenbläschen. Haben wir auch was Positives von diesem häufigen „Mitbewohner", fragte ich 2014 den inzwischen emeritierten Herpesspezialisten Professor Andreas Sauerbrei vom Virologischen Institut des Universitätsklinikums Jena. Seine Antwort: Es gilt als gesichert, dass eine für Genitalherpes verantwortliche Infektion mit dem Herpes simplex-Virus Typ 2 (HSV 2) deutlich milder oder sogar ganz ohne Symptome verläuft, wenn die Betroffenen vorher schon mit HSV 1 infiziert waren. Zudem kreuzreagieren Antikörper gegen HSV 1 mit dem ebenfalls zur Herpesfamilie gehörenden Erreger von Windpocken und Gürtelrose. Ob daraus allerdings ein medizinischer Vorteil resultiert, ist noch nicht geklärt.

Verbündete sogar gegen HIV ...

Das Hepatitis G-Virus ist ein durch Blutkontakte und wahrscheinlich auch sexuell übertragbares Virus ohne bisher bekannte Krankheitslast. Die Bezeichnung als „Hepatitis-Virus" beruht auf einer anfänglichen Fehleinschätzung. Es verbleibt oft bis zu über zehn Jahre symptomlos im Körper, um irgendwann auch mit hoch sensiblen molekularbiologischen Analyseverfahren nicht mehr nachweisbar zu sein. Serologischen Untersuchungen zufolge haben bis zu 25 Prozent der Bevölkerung eine Infektion mit diesem Virus durchlaufen. 2001 erschienen in einer renommierten US-amerikanischen Fachzeitschrift Studienergebnisse, wonach Hepatitis G Viren über einen noch unbekannten Mechanismus die Vermehrung von HI-Viren hemmen und entsprechend Koinfizierte eine signifikant bessere Prognose hatten als nicht mit Hepatitis G infizierte HIV-Patienten. Nachdem sich diese Ergebnisse in anderen Studien bestätigten, wurde vereinzelt sogar darüber nachgedacht, HIV-Infizierte gezielt mit Hepatitis G-Viren anzustecken. Eine neue erfolgreiche Generation hoch aktiver Medikamente gegen HIV hat jedoch diese Überlegungen wieder erübrigt.

... und Krebs

Auch gegen Krebs werden humane Viren inzwischen erprobt (die AZ berichtete bereits vor über einem Jahr; goggeln Sie „Stingl, Viren gegen Krebs"). Angeregt wurden entsprechende Forschungen durch sehr seltene aber spektakuläre günstige Wendungen fortgeschrittener Krebserkrankungen im Gefolge akuter Virusinfektionen. Als Ausgangsbasis für zumeist gentechnisch optimierte, krebszellzerstörende, so genannte onkolytische Viren dienen etwa Herpes-, Masern-, Grippe- und Erkältungsviren. Ein modifiziertes Herpesvirus ist bereits zugelassen zur Behandlung gegen fortgeschrittene maligne Melanome. Dabei macht man sich nicht zuletzt den Umstand zunutze, das Tumorzellen Viren oft schlechter als gesunde Zelle abwehren können. Das wusste in einem anderen Zusammenhang auch der oben bereits zitierte Professor Sauerbrei zu berichten. In seinem Zentrum wurden Herpesviren in Kulturen von Melanomzellen gezüchtet, zumal sie sich darin besonders gut vermehrten.

Schnupfen positiv gedacht

Wenn nun aber therapeutische Viren bereits bei weit fortgeschrittenen Krebserkrankungen noch einen signifikanten Nutzen haben können, muss doch die Frage erlaubt sein, ob und inwieweit Wildformen solcher Viren möglicherweise eine beginnende Krebserkrankung im Ansatz ersticken, ohne dass wir davon etwas merken. Denken Sie daran, wenn Sie im kommenden Herbst der nächste Virusschnupfen plagt. Vielleicht hat die vorübergehende Unannehmlichkeit auch was Gutes.