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Mit stolzen Preisen den Placeboeffekt schüren?

Niedrigpotent gegen Potenz- und Libidostörungen

In kostenlosen Anzeigenblättern und in der Boulevardpresse wurde auch Ende 2016 wieder intensiv mittels ganz- und halbseitiger Anzeigen für zwei homöopathische Mittel geworben, die nicht nur gegen männliche Potenzschwäche sondern auch bei männlicher und weiblicher sexueller Unlust helfen sollen. Und das ganz ohne Nebenwirkungen.

Gegenstand der vollmundigen Werbeversprechen sind zwei rezeptfreie „natürliche Arzneimittel", für die das wirtschaftlich erfolgreiche Gräfelfinger Unternehmen PharmaFGP verantwortlich zeichnet: Deseo®-Tropfen und Neradin®-Tabletten.

Altes aber fragliches Aphrodisiakum in homöopathischer Dosierung

Wirkstoff ist in beiden Zubereitungen ein Extrakt von Turnera diffusa, einer vor allem in Mittelamerika heimischen Pflanze aus der Familie der Malvengewächse. Das Kraut soll bereits den alten Mayas bei sexuellen Störungen geholfen haben. In den beiden hier fokussierten homöopathischen Mitteln liegt der als Urtinktur dienende Extrakt in der Potenz D4 vor, was bekanntlich einer 10.000-fachen Verdünnung entspricht. Abgesehen von Alkoholeffekten in der Tropfenzubereitung, dürfte damit ein Nebenwirkungsrisiko tatsächlich ausgeschlossen sein. Übrigens wären wohl PDE-5-Hemmer in einer solchen Verdünnung ebenfalls frei von unerwünschten Wirkungen; frei von erwünschten allerdings auch.

Dünne Evidenz

Die Frage nach Wirksamkeitsnachweisen wurde vom Gräfelfinger Unternehmen zunächst mit einer vierseitigen Presseinformation zu Deseo® beantwortet, die inhaltlich weitgehend den schon bekannten Werbetexten entspricht. Bemerkenswert der Satz: „Die Wirksamkeit von Deseo® wurde (in Deutschland, Anm. wst) von der obersten Arzneimittelbehörde (BfArM) geprüft und bestätigt." Einen Einblick in die Daten, auf die sich diese Wirksamkeitsprüfung stützt, wollte oder konnte das Unternehmen nicht gewähren. Deshalb nachgefragt beim BfArM, stellte Pressesprecher Maik Pommer klar, dass die beiden hier fokussierten Homöopathika unter den Rahmenbedingungen für „Arzneimittel der besonderen Therapierichtungen" zugelassen wurden. Dem wissenschaftlichen Standard entsprechende Ergebnisse pharmakologischer, toxikologischer und klinischen Prüfungen waren hierfür nicht erforderlich.

Und was meinen renommierte Experten in Sachen Potenz- und Libidostörungen zu den das Blaue vom erotischen Himmel versprechenden Mitteln?

Der Urologe und Androloge Professor Hartwig W. Bauer aus München, unter anderem Vorsitzender der Kommission E beim BfArM, antwortete rasch, kurz und knapp. Bei seinen Patienten habe er keinerlei Erfahrungen zu den beiden angefragten Präparaten.

Teure Placebos?

Professor Frank Sommer, Urologe und Sexualmediziner am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sowie Inhaber der ersten deutschen Professur für Männergesundheit, gestand Deseo® und Neradin® gewisse Placeboeffekte zu, die bei Sexualstörungen mit psychogener Komponente durchaus hilfreich sein könnten. Eine darüber hinausgehende Wirksamkeit müsste sich auf kontrollierte klinische Studien stützen. Und von solchen habe er zu beiden Präparaten noch nichts gehört oder gelesen.

Sehr klare Worte fand der Hamburger Urologe und Sexualmediziner Professor Hartmut Porst, von 2010 bis 2014 Präsident der Europäischen Gesellschaft für Sexualmedizin. Auch ihm seien die prominenten Anzeigen nicht entgangen. Für beide Medikamente gebe es aber keinerlei Wirksamkeitsnachweise aus wissenschaftlich haltbaren kontrollierten Studien. Man setze mit plakativen Werbeauftritten einfach mal wieder auf die Dummheit oder Verzweiflung von Männern, die dann vermutlich zu Hunderttausenden solche Mittel bestellen, um es nach einem enttäuschenden Erstversuch wieder sein zu lassen. Angesichts der stolzen Preise für die leeren Versprechen dürfte es sich für deren Urheber aber selbst dann gut lohnen. Da könnte der Professor vielleicht Recht haben.

Schlussspots

  • Deseo® ist laut Auskunft von PharmaFGP das derzeit meistverkaufte rezeptfreie Arzneimittel bei sexueller Schwäche.
  • Das Unternehmen wirbt damit, dass die Rezeptfreiheit ihrer prosexuellen Mittel den Patienten den „peinlichen Gang zum Arzt" ersparen könnte.
  • Patienten dürfte oft nicht nur der Gang zum Arzt wegen Potenzstörungen peinlich sein sondern auch das Öffentlichmachen einer Wirkungslosigkeit dagegen versuchter Mittel. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
  • Homöopathika mit Turnera diffusa D4 gibt es von vielen Anbietern zu höchst unterschiedlichen Preisen (googeln Sie bitte). Ein Vergleich lohnt – zumindest bezüglich der Ausgaben für einen Versuch.