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Warum geschüttelt, nicht gerührt?

Was passiert, wenn man einem abstürzenden Flugzeug hinterher springt, und nicht James Bond heißt? Kann die Magnetuhr von 007 wirklich fliegende Kugeln ablenken? Ein verwegener Physikprofessor von der TU Dortmund Essen analysierte James Bond’s Stunts und Gadgets. Er fand auch eine coole Antwort auf die Frage der Fragen: Warum trinkt Bond seinen Wodka-Martini geschüttelt, nicht gerührt?

Sein Name ist Tolan, Metin Tolan. Mit einem gerüttelt Maß an Sachverstand schürte er bei den gebannten Zuhörern zeitweilig die Illusion: Was James Bond in seinen Filmen anstellt, geht alles - wenn man es richtig anstellt. Und überdurchschnittlich fit, selbstmörderisch angstfrei, und in Physik eine Leuchte ist, so dass man in Sekundenschnelle im Kopf ein paar Differentialgleichungen löst. Dann ist es eine rationale Sache, die Flugbahn eines abstürzenden Flugzeug zu berechnen, hinterher zu springen, hinein zu klettern und es kurz vorm Aufprall wieder hoch zu ziehen.

So geschehen am Anfang des Films Golden Eye. Auf der Flucht vor seinen Verfolgern jagt Bond auf dem Motorrad einem führerlosen Kleinflugzeug hinterher. Dummerweise endet die Startbahn jäh, Flugzeug und -  zwei Sekunden später - der Top-Agent stürzen eine kilometerhohe Klippe hinab (der Stunt wurde übrigens am 2651 Meter hohen in der Schweizer Berg Tellistock gedreht). Doch um nicht am Anfang des Films zu versterben, segelt Bond dem Flieger hinterher. Sein erstes Problem: Da alle Körper von der Erde gleich stark beschleunigt werden, fallen sie auch alle gleich schnell. 007 ist zwei Sekunden zu spät dran, die theoretisch nicht einholbar sind. Wäre da nicht der Luftwiderstand. Er errechnet sich aus dem Luftwiderstandsbeiwert bzw. cw-Wert und der Querschnittsfläche in Bewegungsrichtung. Letztere ist umso kleiner, je schwerer ein Objekt, weshalb dichtere Körper schneller fallen. Da Bond sich nicht schwerer machen kann als er ist, muss er flugs seinen Luftwiderstand minimieren. Und zwar um den Faktor 20 im Vergleich zu dem schon recht stromlinienförmigen Flugzeug. Außerdem gilt es die eigene Sturzbahn mit der des Flugzeugs zu kreuzen. Schließlich muss er eine Geschwindigkeitsdifferenz von 85 km/h im Moment des Aufpralls aushalten, rechnete Tolan vor. Letztlich schlägt also doch der Faktor Kino jede Physik: Indem Bond Arme und Beine anlegt und wie ein Pfeil stürzt, holt er nach 20 Sekunden und 2200 m freiem Fall bei einer Fallgeschwindigkeit von 470 m/h den Flieger ein. In bester Superman-Manier segelt er an die geöffnete Tür und zieht sich hinein. Das Hochziehen der Maschine kurz überm Boden erscheint als leichtester Teil der Übung.

 

Ein netter Gag aus dem Film Goldfinger: Bond küsst die schöne Bonita und blickt ihr tief ins Auge – wo sich in dem Moment der Oberkörper eines hinterhältigen Angreifers spiegelt. Ist dies so möglich? Die Spiegelung in der Iris ist nur bei extremer Beleuchtungsstärke des Objekts denkbar. Das war im Film nicht gegeben. Aus den geometrischen Abbildungsgesetzen und dem Krümmungsradius des Auges lässt sich errechnen, dass noch mehr nicht stimmt. Entweder der Angreifer war etwa 13 Meter groß; oder er stand 30 Zentimeter vor Bonita, also da wo Bond steht; oder ihr spiegelndes Auge hat eine abnorme Größe. – Über die Physik siegt das Kino.

 

Wie auch im Film Leben und Sterben lassen: In einer Szene demonstriert der smarte Roger Moore seinem Chef ein neues HighTech-Spielzeug, eine Magnetuhr. Der Vorgesetzten steht ihm mit einer Tasse Tee in der Hand gegenüber. Ein Knopfdruck an der Rolex, und der metallene Löffel kommt aus einem Meter Entfernung angeflogen. Klack. - Geht das? Im Prinzip, ja. In das Schmuckstück kann ein Elektromagnet eingebaut sein, der sich auf Knopfdruck einschaltet. Aber, wie stark müsste der Strom sein, der durch die Spule fließt und ein Magnetfeld erzeugt, welches das gezeigte Kunststückchen fertig bringt? Die Kraft eines Magnetfeldes nimmt mit der Entfernung nicht linear ab, sondern mit der siebenten Potenz. Ein kleiner Magnet, der aus einem Zentimeter Abstand 10 Gramm Eisen bewegt, schafft in einer Höhe von zehn Zentimetern nur noch 10g/10.000.000 = ein Mikrogramm, etwa die Masse eines Zuckerkörnchens. In einem Meter Entfernung ist die Anziehungskraft noch 10millionenfach kleiner. Das Beispiel zeigt, welches unglaublich starkes Magnetfeld Bonds Uhr offenbar erzeugen kann. Um den Metalllöffel aus rund einem Meter Entfernung das Fliegen beizubringen, müsste die Uhr, je nach Art und Wickelung eines Magnetkerns, zwischen 9000 und 4,5 Milliarden Ampere aufbringen. Zum Vergleich, eine Elektrolok wird mit 300 Ampere betrieben, ein Blitz mit 1 Million Ampere. Abgesehen davon, dass selbst Mister Q. keine Batterie dieser Stromstärke je entwickelt hat, wäre sie nach einer millionstel Sekunde leer, und bei der Entwicklung dieser Ströme vor Hitze glatt verdampft. Und ihr Träger mit. – Nichtsdestotrotz wählten eingefleischte 007-Fans im Jahr 2002 die Magnetuhr zu ihrem liebsten Bond-Spielzeug,

 

Zur Frage aller Fragen – warum bestellt 007 seine Drinks shaked, not stirred ? gibt es drei mehr oder weniger gewagte Hypothesen. Die erste ist sehr profan und eines James Bond irgendwie unwürdig: Durch das intensive Schütteln des Drinks kommt die Flüssigkeit großflächiger mit dem Eis in Kontakt kommt, die Temperatur sinkt stärker, und der Agent liebt es halt eiskalt. Wissenschaftlich belegt, aber auch irgendwie unwahrscheinlich, ist die zweite, 1999 im British Medical Journal publizierte Hypothese. Danach ist der geschüttelte Drink gesünder. Durch das Schütteln der Lösung – pardon, des Cocktails – würden freie Radikale neutralisiert, schrieben die Forscher. Da Tolan den Bond nicht als besonders gesundheitsaffin einschätzt, favorisiert er eine dritte, seine eigene These. In Wahrheit schmecke „geschüttelt“ einfach besser. Weil sich durch das Schütteln die großen Moleküle, und das sind die Aromaträger, an der Oberfläche anreichern, also im ersten Schluck (wer weiß ob es für einen zweiten reicht). Zugrunde liege der Paranuss-Effekt, den auch teemischende Apotheker kennen dürften: Beim Schütteln finden kleinere Bestandteile ihren Weg durch Lücken nach unten, während die größeren Komponenten oben liegen bleiben. Ob der Paranusseffekt auch auf molekularer Ebene gilt, ist aber wissenschaftlich nicht bestätigt. - Es lebe das Kino! 

 Quelle: Tolan/Stolze: Geschüttelt, nicht gerührt/festvortag Interpharm 2014, Hamburg, März 2014

Ian Flemings Originalrezept für Bonds Wodka-Martini:

In einem tiefen Champagnerkelch

1 trockener Martini

3 Maß Gordons’s

1 Maß Wodka

½ Maß Kina Lillet

Schütteln bis eiskalt, mit einem großen schmalen Stück Limonenschale servieren

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