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Heilung durch Achtsamkeit: Meditation als Therapie

War Meditation früher nur ein Thema für Indienreisende, Esoterikfreunde oder tief religiöse Menschen, haben die alten – meist fernöstlichen – Techniken es inzwischen in Volkshochschulprogramme und Sportstudios  geschafft. Aber auch Ernst zu nehmende Mediziner und Kliniken bieten Meditationskurse an und integrieren diese spezielle Art von Übungen in ihre Rehabilitationsprogramme.


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Unter den vielen verschiedenen Meditationstechniken, die es gibt, erweist sich vor allem eine Richtung als besonders erfolgreich im Gesundheitssektor – der „Mindfulness“-basierte Ansatz nach Jon Kabat-Zinn. In den USA arbeiten über 300 Kliniken mit dieser Methode.

Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor für Medizin an der Universität von Massachusetts, gründete 1981 die „Stress Reduction Clinic“, in der erstmals Meditation als zentraler Bestandteil der Behandlung von Patienten mit chronischen Krankheiten wie Herzbeschwerden, Schmerzen, Magen-Darm-Problemen, Schlaf- oder Angststörungen, Fibromyalgie, Depressionen und Hautkrankheiten (siehe Kasten) zum Einsatz kommt. Er entwickelte ein achtwöchiges Kursprogramm – das Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR)-Programm –  in dessen Verlauf die  Patienten schrittweise mit einigen Meditationstechniken vertraut gemacht werden, sie erlernen und intensiv üben.

Dass diese Bemühungen tatsächlich Wirkung zeigen, ist inzwischen durch zahlreiche begleitende wissenschaftliche Studien belegt und stößt deshalb auch in Europa unter Fachleuten zunehmend auf Interesse.So befassen sich beispielsweise an den Universitäten in Freiburg, Koblenz-Landau, Gießen und Bochum Psychologen intensiv mit dem Thema „Mindfulness“, das auf deutsch mit „Achtsamkeit“ übersetzt wird. Das „Institut für Achtsamkeitsforschung“ in Freiburg und die „Society for Meditation and Meditation Research“ in Dortmund widmen sich der Erforschung von Meditation nach westlichen wissenschaftlichen Standards.

Und an den Kliniken Essen Mitte – wird an der Fachabteilung für Innere Medizin, Naturheilkunde und Integrative Medizin  „Mindfulness“ als ein wichtiges Verfahren der Mind-Body-Medizin im Sinne einer ganzheitlichen, integrativen Heilkunde praktiziert und klinisch erforscht.

Stärkung der Selbstheilungskräfte

„Die traditionelle Naturheilkunde, ging schon immer davon aus, dass Körper und Geist in ihrem Zusammenwirken behandelt werden müssen, da Gedanken, Vorstellungen und Gefühle durchaus direkten Einfluss auf körperliche Funktionen und Symptome haben können“ sagt Dr. rer. medic. Anna Paul, Leiterin der Abteilung Ordnungstherapie und Mind-Body- Medicine an den Kliniken Essen Mitte. „In diesem Sinne sehen wir die Achtsamkeitsmedition als eines von mehreren möglichen Verfahren, mit denen wir Patienten helfen können, ihre Selbstheilungskräfte – wir sprechen  von Gesundheitsressourcen – gezielt zu stärken.“

Paul  Grossmann, Professor für Psychologie am Institut für Achsamkeitsforschung in Freiburg, hat 2004 alle bis dahin vorliegenden Studien (Ängste, Borderline-Störungen, chronische Schmerzen, Depressionen, Essstörungen,  geriatrische Beschwerden, Epilepsie, Fibromyalgie, HIV-bedingte Symptome, Hypertonie,  KHK, Krebs, Multiple Sklerose, Psoriasis, Spannungskopfschmerz, Stress) zu diesem Thema unter die Lupe genommen.

Er kommt zu dem Ergebnis: „Das MBSR-Programm ist eine kostengünstige und gleichzeitig effektive Therapie, die sich für den Einsatz  bei verschiedensten chronischen Störungen eignet. Die seelisches und körperliches Wohlbefinden fördernden Effekte der Therapie halten über einen längeren Zeitraum an, wie in Intervallen durchgeführte Studien zeigten.“

Die meisten Studien bestätigen, dass sich im Verlauf des Programmes die innere Einstellung der Teilnehmer zu ihren Beschwerden und ihr allgemeines Gesundheitsbewusstsein nachhaltig verändert. Zudem würden die Übenden eine neue Selbstwahrnehmung und eine neue Wahrnehmung ihrer Beziehungen zu anderen Menschen und der Welt entwickeln.

Achtsamkeitsmedition bei Psoriasis

In einer Studie an der Universität von Massachussets bekam die Hälfte einer Gruppe von 23 mittelstark bis schwer erkrankten Psoriasis-Patienten eine herkömmliche UVA bzw. PUVA- Behandlung. Die andere Hälfte meditierte  während der Bestrahlungen nach Anweisungen von einem Tonband. Dabei besserte sich der Hautzustand der meditierenden Patienten signifikant schneller. Nach 12 Wochen waren zehn von 13 Patienten aus der Meditationsgruppe völlig erscheinungsfrei, aus der Kontrollgruppe dagegen nur zwei von zehn. Die Verbesserung wurde von Ärzten beurteilt, die nicht wussten, welche Art Therapie die Patienten jeweils bekommen hatten.

Für Schule, Beruf und Sport

Auch über den Gesundheitsbereich hinaus findet das Programm inzwischen breite Anwendung, beispielsweise an Schulen, in Unternehmen und auch im (Spitzen-)Sport. Nützlich ist das Programm hier, um Stresssituationen effektiver zu bewältigen und auf berufliche wie private Herausforderungen mit mehr Gelassenheit reagieren zu können.

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem Geheimnis von Mindfulness. Ist Kabat-Zinn einer dieser zwielichtigen Gurus, die mit großem Gestus Heilung versprechen, wenn man ihnen hundertprozentiges Vertrauen schenkt? Nein, er weist die leidenden Menschen auf ihre eigene Verantwortung hin.

Der ebenso schlichte wie revolutionäre Ansatz liegt darin, dass Kabat-Zinn und seine Kollegen den Menschen nicht als ein mit Mängeln behaftetes krankes Wesen betrachten. Die Mindfulness-Lehrer sehen es so: Eine Person sei aufgrund von Ursachen und Umständen in eine Situation geraten, die zu Krankheitssymptomen geführt habe.

Jeder therapiewillige Mensch wird von ihnen in seiner komplexen Persönlichkeit und in seinem derzeitigen körperlichen Gesamtzustand wahrgenommen. Kabat-Zinn: „Wir versprechen keinem Teilnehmer unserer Therapie, dass er künftig weniger Schmerzen haben wird. Wir versprechen keiner Person, dass wir sie heilen werden – und wir arbeiten nicht mit Pillen und Spritzen. Ein Mensch soll sein eigenes Potential zur Heilung erschließen und an sich arbeiten, Tag für Tag und dies über Jahre hinweg.“

Grundübung Atembeobachtung

Eine der wesentlichen Grundübungen um dieses Ziel zu erreichen erscheint zumindest auf den ersten  Blick überraschend banal: Es geht nur darum, den eigenen Atem zu beobachten, wie er kommt, wie er geht, wo auf dem Körper man seine Berührung wahrnimmt, wie stark diese Empfindung ist. So einfach diese Übung zunächst erscheint, so schwierig erweist sie sich aber schon nach kurzer Zeit. Es fällt schwer, die Konzentration auf den  Atem aufrecht zu erhalten, stattdessen schweifen die Gedanken ab, drängen ständig neue Gedanken in den Vordergrund, übernehmen das Kommando. Schnell merkt der/die Meditierende wie wenig er/sie das Geschehen im eigenen Kopf im Griff hat, wie wenig bewusst sich das angebliche „Bewusstsein“ verhält. Übt man weiter, so gelingt es, Stück für Stück den Geist unter Kontrolle zu bringen und zur Konzentration zu führen. Auf diese Weise kommt man ganz beiläufig mehr und mehr zur Ruhe.

Als eine der nächsten Achtsamkeit-Übungen lernen Patienten, die an einem MBSR-Programm teilnehmen, mit ihrer Aufmerksamkeit ihren Körper Stück für Stück abzutasten und alle Empfindungen dabei bewusst wahrzunehmen. Übt man diesen „Body Scan“ regelmäßig, so kann man beobachten wie sich die Wahrnehmung für den eignen Körper schärft. Während man bislang vor allem nur starke, oft unangenehme Empfindungen – wie etwa Schmerzen, Juckreiz oder Unruhe bewusst zur Kenntnis genommen hat, zeigt sich jetzt ein viel genaueres und vielschichtigeres Bild. Man beginnt Körperregionen zu spüren, die man vorher möglicherweise gar nicht wahrgenommen hat und entdeckt viele feine Empfindungen, von denen man bislang nichts ahnte.

Keine Religion, keine Esotherik

Ziel der Übung ist es, wahrzunehmen wie sich die Empfindungen ständig verändern und diese Veränderungen gleichmütig zu beobachten, ohne darauf zu reagieren. „Diese Ausrichtung nach Innen  bringt z.B.  Haut- oder Herzpatienten, die gewöhnlich ständig auf ihre Missempfindungen reagieren und sich dadurch häufig wie fremdgesteuert fühlen, oft erstmals zur Ruhe“, weiß Dr. Anna Paul. „Sie empfinden es als sehr entspannend und erleichternd, festzustellen, dass sie sich aus eigener Kraft beispielsweise von ihren Ängsten lösen oder aus dem Zwang zu Kratzen befreien können.“ Nach einer gewissen Trainingszeit lassen sich diese neuen Erfahrungen zunehmend auch auf das Alltagsleben übertragen.

Ähnliche Effekte stellen sich auch bei anderen Formen der Achtsamkeitsmedition ein – sei es beim konzentrierten Durchführen von Yoga-Übungen, beim Gehen, Essen oder jeder anderen achtsam durchgeführten Alltagstätigkeit. „Die Energie der Achtsamkeit wird durch regelmäßige Übungen kultiviert, alte Gewohnheiten werden durchbrochen, der Blickwinkel auf das Leben ändert sich“ erläutert Kabat-Zinn. Sich  stärker den inneren Prozessen zuzuwenden als passiv auf Hilfe von außen zu setzen, mache Menschen bewusster und freudvoller.

Am Ende der acht Wochen sollen die Teilnehmer  in der Lage sein, die verschiedenen Übungen je nach persönlichem Bedürfnis zu kombinieren und so eine eigenständige regelmäßige Meditationspraxis zu entwickeln, die sie auf Dauer durchhalten können.

Meditation betrachtet Kabat-Zinn als eine Lebensweise. „Das ist kein Kurz-Trip in wundersame Visionen, die vom Alltag losgelöst sind.“ Kabat-Zinn betont, dass er kein Buddhist sei, sich aber sehr wohl einzelner Elemente der buddhistischen Lehre – wie etwa der Jahrtausende alten Vipassana-Meditationstechnik – bediene, um sie im Rahmen seiner Lebenshilfe einzusetzen. „Mindfulness ist weder religiös, noch esoterisch orientiert.“

Paradox des bewussten Nichts-Tuns

Allen Formen der Achtsamkeitsmeditation gemeinsam ist das Paradox des bewussten Nichts-Tuns. Dies gilt insbesondere auch für die gesundheitlichen Probleme, die man mittels Meditation in Griff bekommen möchte. Denn mit Meditation rückt man Krankheiten nicht auf direktem Wege zu Leibe, sondern lernt, sie als einen Zustand wie jeden anderen anzunehmen. So widersinnig und paradox dies auf den ersten Blick erscheint, so entscheidend ist diese Haltung, um eine Heilung erst möglich zu machen.

„Der beste Weg, um in der Meditation Ziele zu erreichen, ist sie loszulassen“ sagt Kabat-Zinn. Aufzuhören, sich aufzuregen, ist keine leichte Aufgabe, verschafft aber ungeheure Erleichterung, sobald sie erst einmal gelingt und gibt Vertrauen in die eigene Kraft.

„Unsere meditierenden Patienten spüren, dass sie sich nicht  passiv einer Therapie unterziehen, sondern ihre eigenen innersten Kräfte nützen können, um sich der Krankheit zu stellen“, bestätigt auch Dr. Anna Paul. „Das ist für viele ein richtiges 'Aha'-Erlebnis, das ihnen erstmals den Weg aus der krankheitsverstärkenden erlernten Hilflosigkeit ermöglicht.“

Was zunächst nur wie ein psychischer Effekt aussieht, schlägt sich längerfristig auch in messbaren körperlichen Veränderungen nieder. Dies zeigt unter anderem eine Studie über Veränderungen der Gehirnaktivität und der Immunfunktionen als Folge regelmäßiger Achtsamkeitsmeditationsübungen. So war bei  Meditierenden im Vergleich zu einer nicht-meditierenden Kontrollgruppe die Aktivität in den linksseitigen vorderen Regionen des Gehirns, die für die Entstehung von Gefühlen entscheidend sind, besonders hoch – ein Muster, das typisch ist für Personen, die zu einer positiven, optimistischen Grundhaltung neigen. Dieser Effekt zeigte sich bereits nach acht Wochen regelmäßiger Meditationsübungen.

Auch das Immunssystem reagierte bei den Meditierenden zuverlässiger. Nach acht Wochen wurden die Studienteilnehmer gegen Grippe geimpft und nach drei bis acht Wochen später die Antikörper-Konzentration im Blut gemessen. In der Meditationsgruppe stieg dieser Wert signifikant stärker an als in der Kontrollgruppe.

Beide Effekte zeigen auch einen Zusammenhang: Je größer der Anstieg der Aktivität in der linken Gehirnhälfte, desto höher war auch der Anstieg der Antikörperwerte. Außerdem erlebten die Meditierenden im Laufe des Kurses nach eigenem Empfinden auch weniger negative Gefühle und Ängste.

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