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Innenschau mit Folgen

Forschung enthüllt, was bei Meditation im Körper vorgeht

Viele ihrer Forschritte verdankt die Meditationsforschung nicht zuletzt der Offenheit, mit der vor allem buddhistische Geistliche der wissenschaftlichen Forscherneugier begegnen.

© Mind & Life Institute/Waisman Center, Madison

„Mama, schläft der Papa immer noch?“ nörgelt die kleine Lena, die endlich mit ihrem Vater spielen will. „Warte noch ein bisschen, in einer halbe Stunde hat er Zeit für Dich“ vertröstet sie ihre Mama. Mathias hat zwar die Augen geschlossen, aber er schläft nicht. Er sitzt mit gekreuzten Füßen auf einem runden Kissen auf dem Fußboden seines Arbeitszimmers und hat die Hände locker in den Schoss gelegt. Jeden Tag, wenn  er von der Firma nach Hause kommt, gönnt sich der Projektleiter in einem IT-Unternehmen eine dreiviertel Stunde Auszeit zum Meditieren.

„Das brauche ich, um mich 'herunterzufahren'. Danach fühle ich mich wieder fit und kann mich dann besser auf meine Familie einlassen“, erklärt er. Mit seiner Meditation drücke er quasi „bei sich selbst den Reset-Knopf“ beschreibt der Computerexperte anschaulich die Wirkung der Innenschau, bei der er versucht, sich ausschließlich auf seinen Atem und Empfindungen seines Körpers in diesem Moment zu konzentrieren, und so den Kopf frei zu bekommen. 

Aufmerksamkeit auf den Augenblick

Die Übung als solche ist nicht neu. Seit vielen tausend Jahren schwören viele Menschen auf stille Meditation im Sitzen oder auf Techniken in Bewegung wie Yoga, Tai Chi oder Chi Gong. All diesen Methoden ist gemeinsam, dass sie die Aufmerksamkeit des Übenden ganz auf die Gegenwart und den eigenen Körper lenken.

Für eine Weile ist nichts anderes wichtig, bleibt der Übende einfach nur bei sich. Dieses vorübergehende Heraustreten aus dem Alltag empfinden die meisten Menschen als sehr wohltuend. Es löst Stress so erfolgreich, dass mittlerweile sogar schon die Krankenkassen dazu übergegangen sind, entsprechende Kurse als „gesundheitsfördernde Maßnahmen“ finanziell zu fördern.

Denn Menschen, die regelmäßig meditative Übungen machen, haben tatsächlich gesundheitlich Vorteile. Dies bestätigen inzwischen viele klinische Studien. Sie zeigen, dass sich Entspannungstechniken unter anderem günstig auf Bluthochdruck, chronische Schmerzen, Schlafstörungen, Krebsprophylaxe, Ängste und Depressionen auswirken können.

Unter dem Titel „Heilung durch Achtsamkeit: Meditation als Therapie“ berichteten wir vor einiger Zeit über spannende Erfahrungen mit Hautpatienten, bei denen Meditation die Wirkung einer Phototherapie im Vergleich zu einer nicht meditierenden Kontrollgruppe deutlich verstärkte.

Langfristige Veränderungen

Neugierig auf die alten spirituellen Techniken wurden Gehirnforscher spätestens als sich abzeichnete, dass Meditation in Gehirn und Verhalten nicht nur kurz-, sondern auch langfristige Veränderungen bewirken kann, die sich messen und mit bildgebenden Verfahren direkt abbilden lassen. So stellte sich etwa heraus, dass erfahrene Meditierende zum Teil eine um bis zu fünf Prozent dickere Gehirnrinde haben als nicht meditierende Vergleichspersonen.

Vor allem in den Gehirnregionen für die Selbstwahrnehmung, die Verarbeitung von Sinneseindrücken und die Körperwahrnehmung sind die Nervenzellen bei regelmäßig Meditierenden dichter verschaltet. Sogar dem altersbedingten Abbau der grauen Substanz scheint Meditation entgegen zu wirken.

Obwohl sich die größten Unterschiede bei sehr geübten Meditierenden finden, lassen sich erste sichtbare Veränderungen in verschiedenen Gehirnbereichen durch Meditation schon nach einem nur achtwöchigem Achtsamkeitstrainings-Kurs feststellen, berichten Dr. Ulrich Ott und Britte Hölzel von Bender Institut für Neuroimaging an der Universität Gießen. Die Forscher betrachten entsprechende Techniken daher als eine sehr wirksame Möglichkeit zur Veränderung von Hirnfunktionen und auch von Prozessen, die normalerweise unbewusst ablaufen.


Sein Heiligkeit, der Dalai Lama, im Gespräch mit Wissenschaflern

© Mind & Life Institute

Der Dalai Lama, das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus ist sehr an den Ergebnissen der Forschung interessiert. Seit vielen Jahren lädt er beispielsweise  westliche Wissenschaftler regelmäßig zu anspruchsvollen Gesprächsrunden ein, bei dem sie ihre Sichtweisen untereinander und mit den Geistlichen diskutieren. Der geistige Führer befürwortet auch, dass sich Mönche und Nonnen als Forschungsobjekte zur Verfügung stellen. So ist es heute nicht mehr ungewöhnlich, dass buddhistische Geistliche in ungemütliche Magneressonanztomographie-Röhren oder mit Elektroden auf dem Kopf meditieren, damit Forscher dabei zusehen können, was dabei in ihrem Kopf passiert.

Heimliche Studien

Von solchen Bedingungen konnte einer der ersten Meditationsforscher, der amerikanische Kardiologe Herbert Benson von der Harvard Medical School nur träumen: Als er sich Mitte der 70er-Jahre überreden lies, eine Gruppe von Anhängern der transzendentalen Meditation nach Maharishi Mahesh Yogi zu untersuchen, die behaupteten durch Meditation ihren Blutdruck deutlich senken zu können, musste er diese Untersuchungen heimlich des Nachts durchführen, weil man man ihn sonst unwissenschaftlichen Humbug vorgeworfen und ihn von der Universität verwiesen hätte.

Als seine Untersuchungen ergaben, dass die Meditierenden tatsächlich in der Lage waren, ihren Blutdruck zu beeinflussen, erklärte sich Benson dies als Folge einer tiefen Entspannungreaktion. Diese Entspannungreaktion, bei der nicht nur der Blutdruck sinkt, sondern auch die Atmung, Stoffwechsel und Hirnaktivität stark verlangsamt werden, der elektrische Hautwiderstand zu- und der Sauerstoffverbrauch abnimmt, versetze den Körper in einen Zustand, der einem Winterschlaf ähnle. Stresshormone würden in diesem Zustand zwar nicht gänzlich abgebaut, aber wären nicht mehr so leicht ansprechbar, vermutete der Forscher.

Mit dieser Erklärung hatte Benson zwar schon einen wesentlichen Aspekt von Meditation erfasst, „doch nach heutigem Wissen sind die Vorgänge doch noch um einiges komplizierter“, sagt sein ehemaliger Schüler  Tobias Esch, Professor für Integrative Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg. „Entspannung ist nur eine erste – nach Überwindung der Anfangsschwierigkeiten – relativ leicht zu erreichende Stufe von Meditation.

Neurobiologie des Glücks

Intensiver übende Meditierende machen aber darüber hinaus nach einer Weile noch weitere besondere Erfahrungen, denn bei ihnen bleiben einzelne Hirnbereiche während der Meditation besonders aktiv. Hier entsteht ein Aktivitätsmuster, das unter anderem mit tiefen Gefühlen von Gleichmut, Zufriedenheit und Verbundenheit mit der Welt korreliert.“

Solche Phänomene wirken wiederum wie hirneigene Motivations- und Belohnungsmechanismen und bestärken die Praktizierenden, die entsprechenden Übungen weiter zu machen. „Wir haben heute eine Ahnung davon, welche körpereigenen Substanzen in unterschiedlichen Phasen der Meditation ausgeschüttet werden und diese Effekte wahrscheinlich vermitteln“, erklärt Esch.

„Verschiedene Hormone, Neurotransmitter und Opiate spielen hier offenbar eine Rolle: In den ersten Minuten der Meditationssitzung erleben vor allem Anfänger oft zunächst eine gewisse Anspannung oder Unruhe, für die wie es scheint z.B.  das Stresshormon Norepinephrin verantwortlich ist. Dann steigt allmählich die Ausschüttung des Botenstoffs Dopamin an. Schließlich tritt eine Entspannung ein. Es besteht jetzt durchaus die Gefahr, vom Schlaf übermannt zu werden. Kann man dies vermeiden, besteht eine gute Chance zu erfahren, dass im weiteren Verlauf der Übung vermehrt körpereigenes Morphium gebildet wird, denn dieser Wirkstoff aus der Gruppe der Opiate ist ein Abkömmling des körpereigenen Dopamins.

Aus Morphium entsteht schließlich Stickstoffmonoxid, das letztlich dafür verantwortlich ist, dass sich die Gefäße weiten, der Blutdruck sinkt und die Herzfrequenz sinkt. Vor allem Morphium und möglicherweise auch das Bindungshormon Oxytocin scheinen beteiligt zu sein, wenn geübte Meditierende in tiefer Versenkung zudem gelegentlich auch starke Gefühle von Glück und 'Alles-ist-Eins' erleben“, fasst er den aktuellen Erkenntnisstand zusammen.

Das körpereigene Morphium regelt den Organismus allgemein herunter und vermittelt ein angenehmes Gefühl der entspannten Zufriedenheit, das Esch mit der Empfindung vergleicht, „die sich einstellt, wenn man sich am Abend nach einem erfolgreichen Tag entspannt im Sessel zurück lehnt und die Füße hoch legt“. Die Technik der Meditation schafft die physiologischen Voraussetzungen hierfür. Ähnliches geschieht übrigens auch, wenn Menschen glaubenserfüllt beten, mit einem Plazebo behandelt werden, eine außergewöhnliche oder abenteuerliche Erfahrung machen oder in einen kreativen Flow geraten.

Drosselung des Immunsystems

Während unter Stress Enzyme und Botenstoffe wie etwa Kortisol, Adrenalin, Noradrenalin oder Opioid-Peptide freigesetzt werden, die teilweise das Immunsystem heraufregeln und Entzündungsfaktoren anregen, hat meditativer Anti-Stress bzw. Entspannung einen gegenteiligen Effekt: Das Immunsystem und Entzündungsfaktoren werden gehemmt – was sich insbesondere bei chronischen entzündlichen Erkrankungen, zu denen auch die Psoriasis gehört, günstig auswirken kann. Das nützliche Stickstoffmonoxid kann prinzipiell aus verschiedenen Antistress-Hormonen gebildet werden, Morphium ist dafür jedoch besonders gut geeignet.

Idealerweise führen Meditationstechniken zu der ungewöhnlichen Kombination eines völlig ruhigen Körpers mit verlangsamten organischen Abläufen bei gleichzeitig großer geistiger Wachheit und geschärfter Aufmerksamkeit. In diesen Zustand können Praktizierende unmittelbar erleben wie eng Gedanken und automatische körperliche Reaktionen zusammenhängen.

Wenn sie üben, Empfindungen einfach nur wahrzunehmen ohne sie gleich auch automatisch als angenehm oder unangenehm zu bewerten, machen sie bald eine überraschende Erfahrung, die der durch seine lange Computerarbeit oft von Nackenmuskelverspannungen geplagte Mathias so beschreibt: „Schmerz, gegen den man sich nicht wehrt und den man nicht verurteilt, tut tatsächlich viel weniger weh.“ 

Schmerzspirale wird unterbrochen

Dies bestätigt auch Prof. Dr. Stefan Schmidt vom Universitätsklinikum Freiburg. Er hat in drei Studien untersucht, was sich für Patienten mit Rückenschmerzen, Migräne oder Fibromyalgie – einer Art Weichteilrheumatismus – ändert, wenn sie in einem achtwöchigem Kurs Achtsamkeitsmeditation erlernen und regelmäßig üben. Obwohl Häufigkeit und Intensität der Schmerzattacken im Laufe der acht Übungswochen bei den Meditierenden im Vergleich zur Kontrollgruppe kaum änderten, verbesserte sich ihre Lebensqualität und das Gefühl der Beeinträchtigung durch die Schmerzen nahm deutlich ab.

Schmidt beschreibt Schmerz gerne mit dem Bild von zwei Pfeilen, die den Leidenden treffen. Der erste Pfeil ist der Schmerz als solcher, der zweite ist das emotionale Abwehrmuster, mit der man auf ihn reagiert. „Durch die Meditation trifft der zweite Pfeil sein Ziel nicht mehr, und der Mensch lernt, dass er durch seine innere Haltung den Schmerz regulieren kann“ erklärte er. „Menschen, die meditieren, begreifen, dass sie selber die Macht haben, den Teufelskreis chronischer Schmerzen zu durchbrechen und sind nicht mehr so sehr auf fremde Hilfe angewiesen. Sie lernen, ihr Schicksal wieder in die eigene Hand zu nehmen.“

Nicht zuletzt stärke die praktische Erfahrung, dass Schmerzen tatsächlich über den eigenen Geist beeinflussbar sind, letztlich auch das Vertrauen in eine Medizin, die Probleme mehr von der psychologischen Seite angeht.

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