Birgit Matejka Werner Stingl Ralf Schlenger Dr. Ina Schicker Dr. Ulrich Scharmer Dr. Fabienne Hübener

Social Perspective: The Missing Element in Mental Health Practice (Richard U'Ren, 2011)

Verlag: University of Toronto Press; 2011 (Kindle-Edition)


„Class is the ignored determinant of health“

Vorweg: Die Lektüre ist sehr US-lastig. Aber egal, in etwas gedämpfter Form lässt es sich auch auf Deutschland übertragen. Kurz gesagt: Wir haben vergessen, dass psychische Erkrankungen stark sozial bedingt sind. Nahezu sämtliche Erkrankungen, darunter Schizophrenie, Psychosen, Ängste und Depressionen, kommen deutlich häufiger bei Menschen aus benachteiligten Schichten vor.

“Lorant et al. (2003) found that the odds of individuals from lower social strata reporting major depression were 1.8 times that of individuals from higher socioeconomic positions. Most longitudinal studies, Lorant et al. also noted, support a causal direction from socioeconomic position to depression rather than the reverse.”

“The ECA study showed that the prevalence of schizophrenia is almost eight times greater in the lower socioeconomic quartile than in the upper quartile (Holzer et al., 1986).”

In der Therapie spielt der soziale Aspekt jedoch kaum eine Rolle. Ärzte höherer Schichten behandeln besonders viele Klienten mit psychischen Problemen der unteren Schichten (Was das bedeutet, siehe meine vorherige Rezension). Auf die Idee, eine Angststörung oder Depression habe etwas mit dem unsicheren und schlecht bezahlten Job des Klienten zu tun, kommt man dann nicht so leicht. Um die soziale Krankheit zu lösen, müsste man woanders ansetzen als am Klienten. Aber Rede- und/oder Pharma-Kur sind einfacher und das Problem bleibt schön individuell.

„Those at the top of these there stratification categories – upper class, whites, and males – accrue the greatest benefits via different variants of exclusion.”

Dass oft keine Auslöser für psychische Erkrankungen gefunden werden, liegt auch daran, dass man sich auf Einzel-Ereignisse konzentriert. Für manche ist aber das ganze Leben ein beständiger Stressauslöser.

“Life-event change illuminates only one tiny corner of the universe of social stressors´. Strain caused by persistent problems of ordinary social life has been neglected.”

Damit immer mehr Menschen weg von der Straße und rein in die Arztpraxen kommen, wurde der Kreis der Klienten systematisch erweitert. Sprich, das US-Manual mit der Liste der psychischen Leiden wurde mit jedem Jahr länger. Das bringt den Psychiatern Geld. Dass das sogar was mit der Psychoanalyse und ihrem Überschwapp vor dem 2. Weltkrieg in die US-Psychiatrien zu tun hat, liest sich interessant. Nun die Folge: Jeder ist ein bisschen Fanta. Genauer, jeder Fünfte wird in seinem Leben mal von einer psychiatrischen Erkrankung heimgesucht.

Laut U´Renn und anderen eine maßlose Übertreibung. Ihr Ansatz (da habe ich noch etwas Schwierigkeiten zu folgen): Nur Erkrankungen aus dem psychotischen Formenkreis sind echte psychiatrische Erkrankungen, die vermutlich auch genetische Ursachen haben. Der Rest lässt sich durch soziale Einflüsse erklären (Da kommt jetzt durch die Hintertür der Biologismus wieder herein). Damit wären dann nur zwei Prozent der Bevölkerung krank statt 20. Um den Rest zu behandeln, müsste man auf die Straßen gehen. Beziehungsweise die Gesellschaft gerechter machen.  

“Eaton (2001) found that ‘receiving income from properties, royalties, trusts, and estates was strongly associated with low rates of anxiety disorders’ (p. 206), which suggests either that financial security protects against various forms of anxiety or that trusts and estates are markers of other kinds of advantage that also protect. Overall, anxiety disorders as a group are inversely related to socioeconomic position, with the rate being over twice as high for those in the bottom quartile of the socioeconomic ladder as compared to the top quartile.”

Fazit: Ein tolles Buch, das mich erneut daran erinnert, Krankheit im sozialen Zusammenhang zu begreifen.

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Autorin der Rezension: Fabienne Hübener

Die Rezension bezieht sich auf die Kindle-Ausgabe.

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