Birgit Matejka Werner Stingl Ralf Schlenger Dr. Ina Schicker Dr. Ulrich Scharmer Dr. Fabienne Hübener

Bessere Ärzte, bessere Patienten, bessere Medizin (Gigerenzer/Gray; 2013)

Bessere Ärzte, Bessere Patienten

Herausgeber: Gerd Gigerenzer, J.A. Muir Gray, MIT Press, Kindle Version 2011 (auf Deutsch 2013)


"When it comes to health, the 20th century failed to promote educated citizens in modern democracies. Even worse, the current system itself causes, supports, and profits from the uninformed patient.”

Wir stehen laut “better patients, better doctors” vor der 3. Revolution im Gesundheitswesen. Nach sauberem Wasser (19. Jahrhundert), neuer Therapien und Techniken (20. Jahrhundert) steht nur die nächste dramatische Weiterentwicklung an: saubere Information. 

Woran das bislang scheitert und was dafür nötig ist, beschreibt das Buch auf eindringliche Weise. Dabei wirken die Argumente und Daten so euphorisierend, dass man sofort mitmachen mag und zum Jünger werden will. Hier zur Erinnerung die sechs Gebote, die beim Weg ins Himmelsreich unerlässlich sind.

1. Forschung soll dem Patienten dienen, nicht der Wirtschaft (statt bekannte Medikamente etwas abzuändern und teuer auf den Markt zu schmeißen, sollen Firmen echte Innovationen befördern). Das heißt dann natürlich auch, Journalisten sollen nicht der Wirtschaft, sondern dem Patienten/Leser dienen

2. Alle Forschungsergebnisse müssen vollständig offen gelegt werden (und nicht in den Schubladen der Pharmafirmen verschwinden, denen die Daten nicht passen). Das heißt auch, Journalisten müssen die Risiken von Medikamenten und Methoden nennen.

3. Die Medien müssen über Gesundheitsinformationen transparent und umfassend berichten (und nicht die Risiken auslassen und Zahlen durch den Gebrauch des irreführenden relativen Risikos aufhübschen).

4. Die Strukturen müssen so gestaltet werden, dass Interessenkonflikte minimiert werden (z.B. Redaktionen zahlen die Reisekosten ihrer Journalisten selbst, statt dies den Pharmafirmen zu überlassen).

5. Behandlung muss evidenzbasierter Medizin folgen.

6. Ärzte und Medizinjournalisten müssen sich mit Statistik auskennen.

Ich muss jetzt mal mit Stolz zugeben, dass mir nicht viel neu war aus diesem Buch. Und dass ich mich seit Jahren bemühe (nicht immer zum Gefallen der Redaktionen, weil es klingt einfach weniger beeindruckend) NTT statt das relative Risiko zu nutzen.

Beispiel: Brustkrebsscreening senkt das Sterberisiko um 25 Prozent. Als Number to Treat: Wenn 1000 Frauen zehn Jahre lang regelmäßig zur Mammografie gehen, wird eine vor dem Brustkrebstod gerettet. 30 bis 40 weitere Frauen erhalten eine unnötige Therapie (Achtung: die Zahlen schauen laut einer NEJM-Übersicht schon wieder anderes aus).

Noch ein kleiner Seitenhieb auf meine US-amerikanischen Freunde. Um Gesundheitsstatistiken zu verstehen, sollte man folgende Berechnung können: Bei der Einnahme des Medikaments A ist das Risiko für eine Nebenwirkung 1 aus 1000. Wie viel Prozent der Menschen, die dieses Medikament einnehmen, werden unter einer Nebenwirkung leiden? 24% der US-Amerikaner wusste die Antwort und – oho – 46% der Deutschen. Ich finde das viel, aber das bedeutet auch, dass 54% Deutsche vermutlich nichts damit anfangen können, wenn ihnen der Arzt die Gefahren einer Therapie per Zahlen vermitteln möchte.

Und jetzt nochmal zum absoluten Risiko. Ich liebe es. Aber in sehr vielen Studien – vor allem im Bereich Public Health – taucht es gar nicht auf. Um an das absolute Risiko zu kommen, muss ich die Autoren anschreiben und entweder um eine Berechnung bitten oder mir die passenden Daten schicken lassen und das Risiko selbst berechnen. Das kann viele Stunden kosten und sich über Tage hinziehen. Dafür zahlt fast keine Redaktion. Daher hier ein Anruf an die Wissenschaftler: Helft uns Journalisten und berechnet das absolute Risiko. Für die NTT gibt’s eine Reservierung im Himmelreich.

Zurück zum Buch. 

Etwas, was mir neu war: Natural Frequencies (im Gegensatz zu bedingten Wahrscheinlichkeiten): Das was man nutzte bevor es die Wahrscheinlichkeitstheorie gab. Nur ein Beispiel für die Power von Natural Frequencies: Eine schwangere 30-Jährige erhält einen positiven Testbefund auf Down-Syndrom. Sie erfährt, das Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom ist 80% (Sensitivität). Wie hoch ist der positive Vorhersagekraft? Jetzt könnte man das (aus Basisrate: 0,15%, Sensitiviät: 80% und falsch positiver Rate: 8%) errechnen und in Prozent (1,5%) angeben, oder – und weitaus verständlicher - als natural frequencies mitteilen. Dann könnte man der Frau sagen: Von 811 Frauen ihres Alters mit einem positiven Testergebnis bringen 12 ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt. Das hört sich ganz schön anders an. Mit Natural Frequencies können laut Gigerenzer erwiesenermaßen schon Fünftklässler umgehen. 

Das so aufzudröseln (Ich hab das mal für einen Test gemacht, der dabei hilft zu entscheiden, ob man bei Brustkrebs eine Chemo braucht oder nicht), kostet einen Journalisten irre viel Zeit. Das zahlt; ich wiederhol mich gerne (fast) keine Redaktion. Das gehört meiner Meinung nach in die Hände einer Organisation wie das IQWIG, deren Informationen aus Geldern der GK-Versicherten kommen. Also zahlen wir für unsere eigene Information. Das ist mir im Zweifelsfall lieber als klamme Redaktionen, Staat, Krankenkassen, Firmen oder überenthusiastische Medizinjournalisten.

Einer der Kernsätze des Buches als Nachhausemitnehmnachricht: „Entgegen der allgemeinen Annahme besteht das Hauptproblem bei der gerechten Verteilung von Gesundheitsleistungen nicht in einem Mangel an Geldmitteln, sondern es fehlt an Wissen sowohl auf der Seite der Ärzte als auch der Patienten!“

Das waren meine persönlichen Highlights. Nach einiger Zeit wird das Lesen etwas ermüdend, da sich viel wiederholt. Absolutes Risiko bis es aus den Ohren kommt. Der Beitrag des US-amerikanischen Wissenschaftsjournalisten fand ich ein gutes Beispiel für schöne Schreibe, wenig Tiefe. Von mir aus muss man nicht ganz so schön schreiben, aber bitte mit Inhalt. Gut, dass das deutsche Pendant im Buch schön und inhaltsschwer daher kommt.

Alles in allem eine klare Kaufempfehlung. In Kürze soll das Buch auf Deutsch erscheinen. Ich hoffe, dabei wird nicht nur die Sprache übersetzt, sondern auch die doch eher US-lastigen Beispiele aus dem Gesundheitsbereich. Neulich rauschte übrigens eine Meldung an mir vorbei, wonach es dank Prof. Gigerenzer nun in Zukunft mehr Statistik für Medizinstudenten gibt. Ob die das jetzt so toll finden ...

(Rezension von Dr. Fabienne Hübener)

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Die Rezension bezieht sich auf die englische Kindle-Version. Das Buch soll im Februar 2013 auf Deutsch erscheinen.