Birgit Matejka Werner Stingl Ralf Schlenger Dr. Ina Schicker Dr. Ulrich Scharmer Dr. Fabienne Hübener

Gesunde Lebensführung (Hoefert/Klotter; 2011)

Buchcover Gesunde Lebensführung

Hans-Wolfgang Hoefert, Christoph Klotter (Herausgeber): Gesunde Lebensführung - kritische Analyse eines populären Konzepts. Huber Verlag 2011.


Ich mag´s ja eigentlich nicht, wenn sich in einem Buch Texte verschiedener Autoren versammeln, die so unterschiedlich geschrieben sind, dass man das – möglicherweise berechtigte – Gefühl hat, hier hat jemand nur ein paar Journal-Beiträge ohne Zusammenhang hintereinander gesetzt und es Buch genannt. Aber bei diesem Buch mache ich eine Ausnahme (obwohl ich mir weiterhin wünsche, ein Schreibkundiger, ähem ich??, hätte den Text mit dem Input aller 24 Autoren geschrieben, bzw. ein Editor hätte ihn mit viel Zeit, Geld und Kampfgeist überarbeitet.)

Wunderschön erklärt David Klemperer den Weg vom angestaubten Risikofaktor zur modernen Präventionsverständnis, inklusive der wichtigsten Studien. Interessant: Volkskrankheiten mal nicht als Folge von Bewegungs- und Vitaminmangel, sondern  als Folge von Autonomiemangel- und Gerechtigkeitsdefizitkrankheit zu betrachten.

Poetisch, soziologisch, diskursanalytisch und philosophisch anspruchsvoll, wenn auch manchmal verwirrend, erklärt Christoph Klotter, was sich hinter Prävention alles verbergen könnte. Und fragt, ob der Griff in die Chips-Tüte nicht auch einer identitätsstiftenden Revolte dienen kann. (Ich muss jetzt dringend mal Foulcault lesen.)

Konkret erklärt Dieter Melchart wie man Menschen zum eigenen Gesundheitscoach ausbilden kann. Ob diese ambitionierten und kostenpflichtigen Kurse tatsächlich nützen, ist noch unklar. Melchart verweist im Buch übrigens auf die laufende Look-AHEAD-Studie. Die musste leider inzwischen abgebrochen werden, weil die teure Lebensstilintervention nicht wie erhofft das Sterberisiko von Diabetikern senken konnte. Die Frage bleibt, wie aussichtsreich die bisherige Herangehensweise an die Prävention ist.

Um die leidige "Intentions-Verhaltens-Lücke" kümmert sich Sportpsychologe Reinhard Fuchs. Was bringt uns dazu, Sport zu treiben und wieso bleiben wir dran? Die meisten fangen ja erst gar nicht an und die Mehrzahl bricht nach kurzer Zeit wieder ab. Hand aufs Herz, wer bringt es schon auf die von der WHO gewünschten 2,5 Stunden Sport in der Woche?  Fazit: "Trotz der überwiegend positiven Wirkung von Sport und Bewegung auf Körper und Psyche ist die Mehrheit der Bevölkerung nicht in ausreichendem Maß sportlich aktiv."    

Das waren jetzt nur einige Beispiel von insgesamt 18 interessanten Kapiteln. 

Noch ein paar Anmerkungen zum Lektorat dieses Buches. Ärgerlich sind die ständigen Umbruchzeichen an den falschen Stellen. Da wurde bei der Schlusskorrektur gespart. Wo ein Fehler ist, vermutet man unbewusst noch mehr davon. Das schadet dem Inhalt des Buches. Unnötig fand ich auch das viele Kleingeschriebene. Statt die Schrift unleserlich zu machen, hätte man besser kürzen sollen. So, Kritik muss sein.

Alles in Allem aber eine glasklare Kaufempfehlung.

(Rezension: Fabienne Hübener)