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Schwitzen für die Psyche

Alles im Flow?

(Foto: © Stefan Schurr - Fotolia.com)

Bewegung und Sport schützen unseren Körper vor Krankheiten. Diesen Zusammenhang kennt inzwischen jeder. Auch bei psychischen Erkrankungen raten Mediziner zu körperlicher Aktivität. Doch der Zusammenhang zwischen Sport und Psyche ist komplexer als gedacht.

Erste Hinweise auf einen positiven Einfluss stammen aus grossen Bevölkerungsstudien. In einer kürzlich erschienenen Übersichtsarbeit analysierte Mark Hamer vom University College London 23 epidemiologische Studien zum Thema.

Manche Untersuchungen umfassten einen Zeitraum von bis zu 25 Jahren. Insgesamt nahmen 70 000 zu Beginn der Studien psychisch gesunde Menschen teil. Die Analyse ergab: Sportliche Frauen besassen ein um 30 Prozent, Männer ein um 20 Prozent niedrigeres Risiko, im Untersuchungszeitraum an einer Depression zu erkranken, als Personen, die keinen Sport trieben.

Viele Studien, wenig Gewissheit

Einige Ergebnisse der Analyse werfen aber Fragen auf. So fand sich zum Beispiel oft kein Zusammenhang zwischen Bewegung und psychischer Gesundheit, wenn die sportliche Aktivität nicht subjektiv per Fragebogen, sondern objektiv per am Körper befestigten Bewegungsmesser erhoben wurde. Dies legt die Vermutung nahe, dass psychisch stabilere Menschen sich selbst als sportlicher sehen – ob sie es nun sind oder nicht.

Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem epidemiologischer Studien. Sie können zwar eine Assoziation aufzeigen, aber keine kausale Beziehung. Das heisst, sie klären nicht die Frage, ob Sport die mentale Gesundheit fördert oder ob positiv gestimmte Menschen mehr Sport treiben. Möglicherweise wirkt auch eine dritte Variable, etwa die genetische Ausstattung oder der soziale Status, auf diese zwei Parameter und gaukelt eine direkte Beziehung zwischen Psyche und Sport vor.

Interventionsstudien, die diese Fragen lösen könnten, in denen ein Teil der Testpersonen beginnt, Sport zu treiben, sind rar. Die bekannteste stammt von James Blumenthal von der Duke University, North Carolina, USA. Für die Smile-Studie teilte der Forscher 200 Menschen, die an einer Depression erkrankt waren, nach dem Zufallsprinzip in drei Gruppen. Eine Gruppe machte Ausdauertraining, die zweite erhielt ein Antidepressivum, die dritte ein Placebo. Nach vier Monaten waren die Beschwerden in der Sport- und in der Medikamentengruppe um das gleiche Mass gesunken und lagen deutlich unter denen der Placebogruppe.

Die Blumenthal-Studie sei eine der überzeugendsten Studien auf dem Gebiet, sagt Reinhard Fuchs, ein Sportpsychologe der Universität Freiburg und Mitherausgeber des in diesem Jahr erschienenen Lehrbuchs «Seelische Gesundheit und sportliche Aktivität». Die Daten zeigen laut dem Freiburger Forscher, dass regelmässige körperliche Aktivität ebenso effektiv sein kann wie eine Behandlung mit Antidepressiva.

Nüchterner sehen das die Forscher der Cochrane Collaboration. Nach einer 2012 aktualisierten Analyse von 30 Interventionsstudien bescheinigen sie dem Sport zwar einen moderaten positiven Effekt auf Menschen mit Depressionen. Schlossen sie jedoch nur die wissenschaftlich hochwertigen Studien – darunter auch die Smile-Studie – mit ein, blieben nur noch vier Untersuchungen mit rund 300 Patienten und ein schwacher Effekt übrig, der kaum noch statistisch bedeutsam war.

Ob Sport der Seele nützt, wäre leichter zu entscheiden, wenn man erklären könnte, über welche Mechanismen körperliche Aktivität auf die Psyche wirkt. Forscher aus den Bereichen der Psychologie, Soziologie, der Stressforschung und der Neurowissenschaften suchen nach Erklärungen dafür.

Mythos vom Runner's High

Die bekannteste Theorie ist gleichzeitig auch die unwahrscheinlichste. Laut der These vom Runner's High werden beim Sport Endorphine freigesetzt, also vom Körper selbst produzierte Opioide, die uns schmerzunempfindlich und glücklich machen. Das klingt einleuchtend, liess sich aber nie beweisen. Die meisten Menschen joggen ganz ohne Hochgefühl. Er laufe Halbmarathon, berichtet etwa der Sportpsychologe Fuchs, doch auch nach 20 Kilometern stelle sich dabei kein Runner's High ein. Wer doch ein solches High erlebe, bekomme es vermutlich auf anderem Wege als über chemische Botenstoffe. Zum Beispiel über das gute Gefühl, den inneren Schweinehund überwunden zu haben, einmal eine Stunde lang an etwas anderes als an Arbeit gedacht zu haben, oder die wohlige Wärme, welche die Muskelarbeit im Körper auslöst.

Selbstwert und Gemeinsinn

Psychologen befassen sich damit, wie sportliche Aktivität die Bewertung der eigenen Person beeinflusst. Wer beim Sport merke, wie er sich verbessere, bewerte auch sich selbst besser, lautet ihre Theorie. Die Fitness wächst, die Attraktivität steigt. Das Selbstbild glänzt mit den sportlichen Erfolgen nun ein wenig heller. Und wer sich als positiv und wertvoll wahrnimmt, fühlt sich psychisch gesünder. Dabei scheint es erstaunlicherweise nicht so wichtig zu sein, ob die Fitness real gewachsen ist oder nur in der Phantasie.

Neben psychischen Aspekten im Zusammenhang mit Sport untersucht Karin Monshouwer, Gesundheitsforscherin am Trimbos-Institut in Utrecht in den Niederlanden auch soziale Aspekte. In ihrer kürzlich erschienenen Studie befragte sie 7300 niederländische Schulkinder über ihre sportlichen Aktivitäten und psychischen Probleme. Während unter den körperlich inaktiven Kindern knapp 30 Prozent von Verhaltensproblemen berichteten, waren es unter den sportlichen nur 20 Prozent.

Monshouwer analysierte auch das Selbstbild der Kinder – wie sie ihr eigenes Körpergewicht wahrnahmen – und die soziale Interaktion beim Sport – erfragt wurden die Mitgliedschaften in Sportklubs. Kinder, die sich als zu dick oder zu dünn empfanden, besassen ein bis zu 2,3-mal höheres Risiko für Probleme wie Depression und Aggression. Eine Mitgliedschaft im Sportklub reduzierte das Risiko um 20 Prozent. Die Studie weise darauf hin, dass ein – wenn auch kleiner – Teil der Assoziation zwischen Sport und psychischer Gesundheit über eine Veränderung des Selbstbildes und des Ausmasses an sozialer Interaktion erklärt werden könne, erklärt Monshouwer.

Eine andere Spur führt in die Labore der Stressforscher. Deren Idee lautet: Sport senkt den Stresspegel, und das ist bekanntermassen gut für unseren Seelenzustand. Laut einer oft zitierten Beobachtungsstudie aus den 1990er Jahren mit 32 000 Teilnehmern reduziert bereits eine Stunde Gehen täglich das Stresserleben signifikant. Weniger gern zitiert werden spätere Untersuchungen, die zeigen, dass Sport mitunter den Stresspegel anhebt.

Grundsätzlich steht die Frage im Raum, in welche Richtung der Zusammenhang zwischen Stress und Sport geht. Treiben stressfreie Menschen mehr Sport, oder macht Sport stressfrei? Studienergebnisse liefern Hinweise auf Ersteres: Menschen, die sich gestresst fühlen, schränken ihre körperliche Aktivität ein oder fangen erst gar nicht damit an. Ausnahmen scheinen diejenigen zu sein, die schon länger und regelmässig Sport treiben. Sie legen unter Stress noch einen sportlichen Zahn zu, und ihre Psyche profitiert auch in Form einer gedämpfteren Stressreaktion davon.

Die wenigen hochwertigen Studien, in denen Sport als Interventionsmassnahme im Vergleich zu keinem Sport getestet wurde, liefern bis anhin eine magere Ausbeute. Von elf Studien fand nur eine den erwarteten positiven Einfluss. Kein Grund, den Forschungsansatz aufzugeben, meint Fuchs. Sein Team untersucht gerade, wie sich die zufällig ausgeloste Teilnahme an einem 12-wöchigen Sport- oder Entspannungsprogramm auf die physiologische Stressreaktion auswirkt. Die Ergebnisse stehen noch aus.

Alles im «Flow»

Neurowissenschafter suchen im Gehirn nach Erklärungen für die mögliche positive Wirkung des Sports auf unsere Stimmung. Im Zentrum steht die Vorstellung, dass Sport die Aktivität der Botenstoffe im Gehirn verändert, die Gehirnaktivität beeinflusst und das Nervenwachstum befördert. Die sogenannte Hypofrontalitätstheorie geht davon aus, dass der Sauerstoffverbrauch in den für die Bewegung zuständigen Regionen des Gehirns beim Sporttreiben steigt. «Zuvor überlastete Hirnregionen werden herunterreguliert, weil Hirnregionen, die mit Bewegung verknüpft sind, grössere Verarbeitungsleistungen bewältigen müssen», schreiben Stefan Schneider und Heiko Strüder von der Universität Köln im soeben erschienenen Band über die Bildgebung in den Sportwissenschaften.

Unsere Denk-, Plan- und Grübel-Zentrale, der präfrontale Cortex, schaltet beim Sporttreiben also zwangsweise einen Gang herunter. Diese Auszeit für das Vorderhirn könnte, zumindest teilweise, das «Flow»-Gefühl erklären, das sich einstellt, wenn man ganz in einer Tätigkeit aufgeht, an nichts anderes mehr denkt und sich quasi selbst vergisst. Das kann beim Dauerlauf geschehen, bei der Gartenarbeit oder beim Fahrradfahren.

Wichtig für den «Flow» ist jedoch, dass wir das, was wir tun, aus eigenem Wunsch heraus tun. Diese intrinsische Motivation spielt eine wichtige Rolle, wenn Bewegung unserer Psyche guttun soll, wie etwa Arbeiten von Martina Kanning von der Universität Stuttgart zeigen. Aktivität wirke vor allem dann positiv auf das Wohlbefinden, wenn die Tätigkeit zu einem passe und man sie aus eigenem Antrieb heraus in Angriff nehme, sagt Kanning.

Auf sich selbst hören

Bis die Wissenschaft zu einem endgültigen Urteil kommt, inwiefern Sport Depressionen lindert oder vorbeugt, ist es wohl hilfreich, auf sich selbst zu hören. Ob als Therapie oder Prophylaxe, wenn sich die Aktivität gut anfühlt, wenn sie Spass macht, mit Stolz erfüllt, den eigenen Vorlieben entspricht und aus eigenem Antrieb geschieht, dann ist sie vermutlich goldrichtig. Der körperlichen Gesundheit nutzt sie allemal. Sport, so Fuchs, sei aber nicht der wichtigste Schutzfaktor für die Psyche. Beziehungsfähigkeit sowie die Fähigkeit, über sich selbst nachzudenken, böten vermutlich einen besseren Schutz vor psychischen Problemen. Aber auch das kann man trainieren.

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