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Kliniken: OPs aus wirtschaftlichen Gründen?

Es wird in kaum einem anderen Land der Welt in Kliniken so viel therapiert und operiert wie in Deutschland, und die Zahl der Behandlungen wächst stetig. Ist alles sinnvoll, was in den Krankenhäusern gemacht wird, oder bereichern diese sich auf Kosten der Patienten?

Klinikärzte in Deutschland operieren besonders viel (Bildquelle: u_I / Fotolia.com)


Die Politik kennt diese Gefahr. Noch die schwarz-gelbe Regierung legte daher gesetzlich fest, die Frage von Forschern klären zu lassen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen vergaben den Auftrag an ein Team der Universität Hamburg und der TU Berlin. Als die Wissenschaftler im Juli dieses Jahres das Ergebnis vorstellten, ernteten sie lange Gesichter. Es fehlte ihnen an Daten, um die Frage abschließend klären zu können.

Sinnlose Operationen?

Wichtige Hinweise liefert das Gutachten trotzdem. Die Autoren kommen zu dem Schluss: Wenn die Kassen mehr Geld für eine bestimmte Behandlung zahlen, führen die Kliniken diese anschließend etwas häufiger durch. Die Gutachter betonen aber, dass der gefundene Einfluss des Preises auf die Menge eine normale Marktreaktion und auch aus anderen Branchen bekannt sei. Für die Deutsche Krankenhausgesellschaft ein Grund, die Diskussion zu beenden. „Dieses Gutachten belegt, dass Behauptungen, die Krankenhäuser würden aus ökonomischen Gründen medizinisch nicht notwendige Leistungen erbringen, keinerlei wissenschaftliche Grundlage haben“, kommentierte die Gesellschaft.

Gesundheitsexperten und Verbraucherschützer sehen das anders. „Es gibt durchaus Fälle, in denen Patienten sinnlose Operationen erhalten. Diese Fälle sollten wir uns mithilfe weiterer Studien genauer anschauen“, betont Susanne Mauersberg, Referentin für Gesundheitspolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband. Für den Spitzenverband der Kassen steht aber jetzt schon fest: Krankenhäuser führen vor allem Operationen durch, die sich finanziell lohnen.

„Sicher ist es griffig zu behaupten, Kliniken würden zu viel behandeln, um Geld zu verdienen“, erklärt einer der Autoren, Professor Jonas Schreyögg, Gesundheits­ökonom an der Universität Hamburg. Dafür fehlte aber bisher die fachliche Grundlage. „Unsere Rolle war es, wissenschaftlich abgesicherte Fakten zu schaffen und so die Diskussion zu versachlichen. Das ist uns gelungen. Es muss aber weitere wissenschaftliche Studien geben, die unter anderem die Qualität der Versorgung unter die Lupe nehmen.“

Krankenhäuser stehen unter enormem wirtschaftlichen Druck

Die unterschiedliche Interpretation des Gutachtens macht deutlich, wie stark die Akteure im Gesundheitswesen ihre Interessen vertreten, während die Patienten kaum zu Wort kommen. Die Kassen unterstellen den Kliniken, sich von finanziellen Anreizen leiten zu lassen, und treten für Klinikschlie­ßun­gen ein.

Die Deutsche Krankenhaus­­gesellschaft erklärt den Anstieg der Behandlungszahlen vor allem mit dem medizinischen Fortschritt und fordert Investitionen ein. „Die Krankenhäuser stehen bei der Versorgung von 40 Millionen Patienten jährlich unter einem extremen wirtschaftlichen Druck. Wir brauchen eine tragfähigere Finanzierungsgrundlage“, erklärt Dr. Roland Laufer, Finanzexperte der Deutschen Krankenhausgesellschaft.
Empfehlungen der Gutachter

„Wichtiger als die mediale Debatte über die Interpretation der Ergebnisse sind die Empfehlungen, wie sich die Leistungen im Krankenhaus besser steuern lassen, sodass die Therapie-Qualität im Vordergrund steht und nicht die Menge“, sagt Dr. Alexander Geissler von der TU Berlin, einer der Autoren des Gutachtens. Dafür schlagen die Gutachter 17 Maßnahmen vor. So soll beispielsweise nicht die Prozedur – etwa eine Operation – im Zentrum der Vergütung stehen, sondern die Diagnose. Dadurch bestehe kein Anreiz für Ärzte, sich eher für eine teure Operation als für eine geringer vergütete Alternative zu entscheiden.

Zudem solle bei ausgewählten Behandlungen das Einholen einer Zweitmeinung vorgeschrieben werden. Auch die Klinik­­finanzen haben die Gutachter im Blick. Kliniken in schwierigen Situationen, etwa im ländlichen Raum, sollen ergänzend zu den Behandlungspauschalen Gelder erhalten, um etwa die Notfallbereitschaft aufrechtzuerhalten. So entstünden keine Anreize, mit teuren Behandlungen Defizite auszugleichen.

Nicht alle Forderungen stoßen bei Kliniken und Kassen auf Gegenliebe. „Die meisten Diskussionen drehen sich um Budget-Fragen. Dass wir eine patientenorientierte Versorgung brauchen, gerät dabei in den Hintergrund“, bemängelt Alexander Geissler. „Besäßen Patienten eine ebenso starke Lobby wie Kassen und Kliniken, würden die Vorschläge auf ein größeres Echo stoßen und die Chancen auf ihre Umsetzung steigen.“

Interview mit Susanne Mauersberg

Susanne Mauersberg ist Referentin für Gesundheitspolitik beim Verbraucherzentrale Bundesverband

Frau Mauersberg, der Verdacht steht im Raum, dass Kliniken mehr als nötig behandeln. Ein Grund zur Sorge?

Ja, die Hinweise aus dem aktuellen Forschungsbericht und anderen Untersuchungen sind erschreckend. Vor allem im Bereich Rückenleiden wird zu viel operiert. Dabei fehlen gerade in der Orthopädie Beweise für den Nutzen zahlreicher Eingriffe. Die größte Sorge macht mir allerdings, dass Wissenschaftlern nicht ausreichend Daten zur Verfügung gestellt werden, um klare Aussagen zu treffen. Das ist ein grundsätzliches Problem in der hiesigen Versorgungsforschung.

Welche Daten meinen Sie?

Etwa Angaben zu Erkrankungen und Therapien, die den Kliniken und Kassen vorliegen. Daten sind Macht, deswegen sitzen die Institutionen auf diesen Beständen. Sie geben nur Teile für die Forschung frei und nutzen anschließend das Nichts an Erkenntnissen für ihre eigenen Interessen. Die Daten gehören jedoch den Patienten. Politiker müssen dafür sorgen, die Daten zugänglich zu machen.

Was könnte die Zahl möglicherweise unnötiger Therapien senken?

In Deutschland gibt es zu viele Klini­ken, ein Drittel hat finanzielle Probleme. Zudem sind unsere Therapien im internationalen Vergleich günstig. Daher besteht seitens der Kliniken der Drang, die ­Behandlungszahl zu erhöhen, um ­die Erlöse zu steigern. Um aus diesem System auszubrechen, müsste es einen Versorgungsplan aus einer Hand geben, der klärt, wie viele Krankenhausbetten wir in Deutschland wirklich brauchen. Wenn dann Kliniken ihre Bettenzahl senken, sich andere Schwerpunkte setzen oder schließen müssen, sollte Geld für diesen Umbau zur Verfügung stehen. Indem wir Kliniken eine Alternative zur Kostenspirale geben, erhalten Patienten mehr Sicherheit, dass ihnen im Krankenhaus die richtige Therapie angeboten wird.

Erschienen im Januar 2015 in der Apothenken Umschau

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