Birgit Matejka
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Birgit Matejka Werner Stingl Ralf Schlenger Dr. Ina Schicker Dr. Ulrich Scharmer Dr. Fabienne Hübener

Natürlich werde auch ich meinen Körper spenden

Interview mit dem Leichen-Präparator Prof. Gunther von Hagens

Anatomie für`s Volk: Eines von Prof. Gunter von Hagen`s Plastinaten

Foto: www.koerperwelten.de

Wie sind Sie zum Leichen-Präparator geworden?

Parallel zur Abendschule habe ich als Jugendlicher bereits eineinhalb Jahre in einer Apotheke gearbeitet und mir dabei eine umfassende chemische Allgemeinbildung angeeignet. Mit 17 Jahren konnte ich bei der ersten Sektion zusehen. Am Anfang des Studiums galt mein Interesse zunächst eher der Neurologie und Psychiatrie. Ich bin dann aber schliefßlich doch in der Anatomie gelandet. Eher durch Zufall habe ich dort herausgefunden, wie ich den Kunststoff in die Zellen transportieren kann. Geholfen hat mir dabei auch mein gutes dreidimensionales Vorstellungsvermögen. Hatte ich nicht über diese große Allgemeinbildung in Chemie verfügt, hatte ich wohl nach meinem ersten Misserfolg aufgegeben.

Woher kommt Ihr Faible für die Kunst?

Als ich 14 Jahre alt war, wohnte ein Bildhauer in unserer Straf3e und ich hatte damals den Wunsch, diesen Beruf auch ein- mal zu ergreifen. Als mich meine Mutter jedoch warnte, ich wurde später aus- schließich Stalin, Lenin und Ulbricht- Büsten herstellen mussten, nahm ich von dieser Idee dann doch recht schnell Ab- stand. Geblieben ist das Interesse.

Sie haben sich im Westen dann aber ganz gut der Marktwirtschaft angepasst.

Durch meinen fast einjährigen Aufenthalt in den USA, wo ja ein anderer Umgang mit Geld herrscht, habe ich diesbezüglich einiges gelernt. Ich bin heute stolz darauf, nicht von irgendwelchen Forschungstopfen abhängig zu sein. Ich erfülle damit genau die Forderung der Politiker, nämlich dass Kultur sich selbst finanzieren soll.

Warum greifen die Politiker Sie trotzdem so an?

Die haben ihre festen Vorurteile im Kopf und mach en sich nicht die Mühe, sich meine Ausstellung einmal persönlich anzusehen. Dabei zeigen doch die Besucherzahlen, dass ich naher am Volk bin als seine Repräsentanten. Der Laie wird aus der Welt der Wissenschaft immer ausgeschlossen, schon allein durch die Fachsprache, die er nicht versteht. Das ist auch meine Kritik an der Forderung, die Autopsie solle im geschützten Raum bleiben. Dieser fürsorglichen Entmündigung begegne ich schon wegen meiner DDR-Vergangenheit mit Misstrauen. Wenn mir eine Hausfrau sagt, diese Beschreibung ist mir zu kompliziert, dann versuche ich meine Texte entsprechend anzupassen und Fremdwörter zu ersetzen.

Ist Ihnen schon mal ein Plastinat misslungen?

Anfangs ist das schon mal passiert. Aber seit 15 Jahren wird kein Student mehr an so ein Plastinat gelassen. Das sind alles Experten. Ich lasse da keinen ran, der mir nicht aile 32 Handmuskeln benennen kann. Damit nichts schief geht, existiert auch ein Praparationsplan.

Wie viele Arbeitsstunden stecken in einem solchen Ganzkörperplastinat?

Diese Arbeit erfordert etwa 1500 Stunden. Für den Körper, an dem ich augenblicklich arbeite, werde ich sogar 2000 benötigen.

Sie gestalten Ihre Plastinate regelrecht. Wo ist da bei Ihnen die ethische Grenze?

Die Anatomie muss unbedingt im Vordergrund stehen. Ästhetik und Humor sollten der Wissensvermittlung dienen. Eine klare Grenze ist bei mir da gegeben, wo die anatomische Wissensvermittlung keine Rolle mehr spielt. Ich bin viel zu sehr Anatom, um nur einen Gestaltungstrieb auszuleben, indem ich beispielsweise eine Blase in eine Blumenvase verwandele oder aus einem Gehirn einen Blumenkohl schnitze.

Was war für Sie der Grund nach China und Kirgisien zu gehen?

Im Westen haben die Anatomen die Makroskopie aus ihrem Blickfeld verloren. Makroskopische Anatomie wird heute nur noch von Chirurgen und Orthopäden betrieben. Die Anatomen verstehen sich eher als Molekularbiologen und die Leiche spielt nur noch als Unterrichtsobjekt eine Rolle. Das war im Osten von jeher anders. Die Experten dort sind hervorragende Makroskopiker.

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